Von Thomas Schmid

Italien, 1861 geeint, ist ein geteiltes Land geblieben. Hart sind Norden und Mezzogiorno, das Armenhaus der Nation, voneinander getrennt; die Hoffnungen, die das Risorgimento im Süden geweckt hatte, wurden nicht erfüllt, ihren Boden bekamen die Bauern nicht. Und nie wurde der Mezzogiorno ganz den Ruch los, ein rauher, unstrukturierter Raum zu sein, ein störrisches vorgeschichtliches Ungeheuer, das in die Gegenwart ragt: eine ideale Projektionsfläche für zivilisierte Mythen über eine Gesellschaft ohne Zivilisation. Obgleich dieser Süden eine große (wenn auch eigensinnige) Literatur hervorgebracht hat, ist das Erstaunen stets groß, wenn eine neue Stimme zu vernehmen ist. Von dieser herablassenden Verwunderung war auch die Begeisterung nicht frei, mit der in Italien vor zwei Jahren der erste Roman des vierzigjährigen Raffaele Nigro, "I fuoci del Basento", aufgenommen wurde. Jetzt ist die (solide) deutsche Übersetzung dieses wunderbaren Buches erschienen, und es wäre ihm zu wünschen, daß es – dem Toskozentrismus zum Trotz, der auf dem Italienbild der Deutschen lastet – viele Leser findet.

Der Basento (nicht zu verwechseln mit dem noch weiter im Süden liegenden Busento, dessen "dumpfe Lieder" der deutsche Dichter uns in die Seele gesenkt hat) ist ein Fluß in der Basilikata, und die Feuer an seinen Ufern sind die der Unruhe und des Brigantentums, der Erhebungen, Aufstände, Rachefeldzüge und Gegenrevolutionen. Das Buch erzählt eine lange Geschichte: Sie beginnt im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts, als sich die Nachrichten über die französische (und amerikanische) Freiheit in ganz Europa ausbreiteten, und endet 1861 mit dem zwiespältigen Sieg der italienischen Vereinigungsbewegung. Raffaele Nigro erzählt diese Geschichte aus einem anderen Blickwinkel als dem vertrauten: aus dem historischen Off, von der scheinbar ereignisabgewandten Seite der historischen Prozesse her. Sein Zentrum ist die "Peripherie", die bäuerliche Welt: ihr Beharrungsvermögen, ihr Traditionalismus, ihre Geisterwelt, ihre Intelligenz und ihr überschießender Radikalismus. Die Feuer und Rauchsäulen über den Bergen, die das Buch wie ein sparsames Leitmotiv durchziehen, signalisieren, daß eine große Unruhe aufkommt. Doch das ist nicht jenes ferne Grollen der Geschichte, denen in so vielen anderen Büchern ein stummes Bauernvolk verängstigt und in Erwartung der kommenden Schrecken hilflos ausgeliefert ist. Auch wenn sie letztlich aus ihrer Defensive nicht herauskommen: diese Bauern sind Akteure.

Raffaele Nigro erzählt die generationenübergreifende Geschichte einer Familie, die den Namen Nigro trägt und in der Gegend von Melfi, dem Geburtsort des Autors, lebt. Da ist Francesco Nigro: ein junger Bauer und Poet, so begabt, daß er sogar den Herren auffällt und vor diesen – von den Damen ungläubig betatscht – rezitieren darf. Keine Politik, sondern eine alltägliche Brutalität der Feudalherren, eine Verletzung, die sich von andern kaum zu unterscheiden scheint, wirft ihn über Nacht aus den Bahnen des Vorgegebenen: Er schlüpft in die einzige andere Existenzform, die diese Welt bereithält, er wird Bandit und Brigant. Es ist die Zeit der napoleonischen Feldzüge in Italien, die von Hoffnungen des Volkes, vor allem aber der aufgeklärten Intellektuellen begleitet werden: Francesco Nigro gerät in den Strudel dieses Neuen, wird Freiheitskämpfer, "General", steht Seite an Seite mit den fortschrittlichen Herren, macht die jakobinische Sache zu der seinen, ohne doch das Bild des Königs aus seinem Herzen reißen zu können Nie ist er sicher, ob die Sache, für die er kämpft, auch wirklich die Seine ist: "Man weiß nicht, ob es Engel oder Teufel waren, die den Baum der Freiheit gebracht haben. Sie kamen so schnell, wie im Flug. Sie haben uns sehr erschreckt."

Francesco Nigro, der kaum lesen kann, die Bücher aber viel mehr liebt als den Kampf, muß sich von einem Rebellenführer der Gegenseite sagen lassen, was er selbst längst befürchtet: "Die Jakobiner sind noch habgieriger als die alten Aristokraten." Ein Thema, das dieses Buch bis zur letzten Seite begleitet: eingeklemmt zwischen den Kräften der alten Welt, die virtuos den moralischen Kosmos des Glaubens und der Tradition beschwört, und den Neuerern, die den dürren Gott der Vernunft (und manchmal auch schon des Profits) predigen, gelingt es den Bauern nicht, ihre eigene, autochthone Form der Erhebung zu finden; sie bleiben Zulieferer, verwirrt auf der Suche nach Gerechtigkeit und in Kämpfe verwickelt, in denen es um ihre Zukunft zu allerletzt geht. Als die Gegenrevolution, von einem Kardinal angeführt, Melfi erobert, fällt Francesco Nigro.

Seine Familie, deren Männer und Frauen – auf je verschiedene Weise – Partei ergreifen, bleibt auch weiter zwischen den Fronten, die Abweichung wird ihr Alltag. Carlantonio, einer der Söhne, der auf Seiten der Ordnungskräfte begonnen hatte, wird ebenfalls Brigant, verwickelt in die Erhebungen von 1820/21, flieht auf einem Schiff des Admirals Nelson nach Sizilien, kehrt – wieder einmal hat sich das Blatt gewendet – als geehrter Volksheld zurück, um schließlich – ein weiteres Mal auf eine andere Seite geschlagen – 1861 auf der Seite der bourbonischen Rebellen zu fallen, während sein Sohn Vitodonato zum linken Aufrührer wird. Da ist schließlich Raffaele Arcangelo, ein Stigmatisierter, der sich für ein heiligmäßiges Leben entscheidet und – auf dem Anwesen eines atheistischen und republikanischen Adligen – ein Hospiz für Arme und Kranke, eine "Republik des Allerheiligsten Blutes zur Errettung von Körper und Seele" gründet: vielleicht, dachte er, müsse man sich erheben "über eine Welt, die so grausam war, über eine Geschichte, die keine Wunder kannte". Und da sind die Frauen Concetta Libera, Teresa Addolorata, Maria Sofronia, Porzia Maria della Neve, Maria Fönte di Bene, die den bittersten Part in diesen verwirrten Jahrzehnten zu spielen haben, den des ruhenden Pols – auch sie aber nie Opfer.

Raffaele Nigro ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen: die "silbernen Schneckenspuren" dieser untergegangenen Welt, die von Mönchen, Poeten, Rebellen, Heiligen, Mördern, wissenschaftsbegeisterten Priestern, aufgeklärten wie engherzigen Bürgern, demokratischen wie reaktionären Adligen und nicht zuletzt von den Toten und ihren Geistern bevölkert ist, hat er in Dokumenten und Archiven aufgespürt und zusammengetragen; daraus ist ein Roman von ganz außerordentlicher Intensität entstanden. Man hat in Italien gesagt, das Buch erinnere an Gabriel García Márquez’ "Hundert Jahre Einsamkeit" – ein zumindest unglücklicher Vergleich: denn in Nigros Roman fehlt jeder Hang zur Mythenhuberei, zur Wortkaskade, zum mutwilligen Spiel mit dem Zauber des Exotischen und zur Geschichtsphilosophie des Dunklen. Sein Zauber besteht in der Präzision, in der Verhaltenheit, in einem distanzierten Ton, der der Trauer das Schwelgen nicht erlaubt, besteht darin, daß er die Wege des Pathetischen wie des Zerknirschten verläßt.