Schlimmer hätte es nicht kommen können. Helmut Kohl steht in der Affäre um das von deutschen Firmen geplante und gebaute Chemiewerk in Libyen doppelt dumm da, unglaubwürdig und ungeschickt zugleich. Nicht viel mehr als eine Woche ist es her, da schimpfte der Kanzler, es sei unerträglich, daß die Deutschen von den Amerikanern wegen der Waffenfabrik auf die Anklagebank gesetzt würden. Doch am Montag setzte sich Finanzminister Stoltenberg selber drauf: "Wir müssen davon ausgehen, daß es sich bei der Fabrik um eine Anlage handelt, mit der Giftgas hergestellt werden kann." Freilich, Regierungssprecher Ost konnte, wie so vieles nicht, auch dieses nicht bestätigen.

All die Empörung über eine aus Washington gesteuerte Pressekampagne kann eines nicht verdecken: Ein einziger Zeitungsartikel genügte – und schon geschah, was bisher so unmöglich erschien. Inzwischen ermitteln die Staatsanwälte, ist die Öffentlichkeit informiert, kennen wir die Tage, an denen das Kanzleramt die ersten Hinweise bekam. Wenn der Regierung und den Behörden so einfach Beine zu machen sind, dann müssen die Bonner vorher kräftig geschlafen haben.

Eine Zeitlang sollten wir glauben, erst am 15. November 1988 habe Kohl erste Hinweise von Reagan bekommen. Jetzt wissen wir, daß der Bundesnachrichtendienst schon im letzten Sommer Laut gegeben hatte. Doch selbst noch als der Präsident dem Kanzler, zunächst intern und unter Freunden, Dampf machte, reagierte Bonn weiter lahm. Erst unter öffentlichem Skandal bequemte sich der deutsche Amtsschimmel zu widerwilligem Wiehern.

Nun ist der Schaden komplett. Schlimm genug, daß Ghaddafis Chemiewaffenfabrik ausgerechnet mit deutscher Hilfe gebaut wurde. Schlimmer noch, daß Bonn schlaraffenartig auf "gerichtsverwertbare Beweise" wartete – als gelte es nicht, politischen Schaden längst im Vorfeld abzuwenden. Besonders fatal, daß das deutsche Drängen auf ein Verbot aller Chemiewaffen desavouiert wurde, vielleicht sogar zum Wohlgefallen der in diesem Punkte bockenden Amerikaner. Der Kanzler müßte sein Talent, Krisen auszusitzen, nicht so häufig strapazieren, wenn er ihnen beizeiten vorbeugen würde. Politisches Gefühl braucht’s in den Fingerspitzen, nicht im Sitzfleisch. R. L.