Wenn wir genau aufpassen, können wir an schönen Tagen den Sonnenuntergang sogar noch in der Großstadt erleben. Ein Blick um die Häuser-Ecke genügt da manchmal. Nur, wir passen nicht mehr auf. Entweder, weil wir zu dieser Zeit noch im Büro sitzen, oder weil wir zu Hause schon den Fernseher eingeschaltet haben.

Und plötzlich ist die Sonne weg. Und wir haben es gar nicht bemerkt, daß wir eine der interessantesten Licht-Stunden des Tages verpaßt haben: die Dämmerung.

Manchmal, wenn ich bei uns zu Hause um die Ecke schaue und den Sonnenuntergang über der Elbe erlebe, dann kommen mir, wie zugeweht, die Einnerungen an meinen Großvater. Wir saßen damals immer in der Küche, wenn es langsam dunkel wurde. Und das elektrische Licht blieb so lange uneingeschaltet, bis es ganz finster war.

Dämmerung, die Stunde der Poeten. Nun verzögerte mein Großvater das Einschalten des elektrischen Lichtes nicht aus poetischen Gründen, sondern aus Sparsamkeit. Aber es kam dabei für uns Kinder eine ganz starke Poesie heraus. Denn in der Schummertid, in der Zeit zwischen Hell und Dunkel, ließ sich’s am besten zuhören, wenn einer erzählen konnte. Mein Großvater erzählte auf plattdeutsch.

Im Winter mußten wir Kinder immer noch so lange warten, bis sein Bart aufgetaut war. Denn er stand bei der Hamburger Straßenbahn schon zu einer Zeit an der Kurbel, als vorn der Führerstand noch keine Scheiben hatte. Aber dann ging’s los. Und wie haben wir uns damals gefürchtet, wenn er mit den Geschichten in seine mecklenburgische Heimat zurückkehrte und von dem Mann ohne Kopf erzählte, der ihn verfolgt habe, als er ins Nachbardorf mußte. In der Dämmerung.

Wenn die Sonne untergeht und der Nebel hochkommt, dann würden die Wachholderbäume wie unheimliche Wesen aussehen, die sich bewegen. Wie Menschen ohne Kopf. Und einmal sei er auf dem Rückweg nach Strohkirchen sogar verfolgt worden von einem riesigen weißen Tier; aber immer dann, wenn er sich umdrehte und stehenblieb, war das Ungeheuer verschwunden.

Wie haben wir Kinder dann aufgeatmet, wenn er die Pointe nachlieferte: das sei "Prinz", sein großer Pudel gewesen, der ihm nachgelaufen war und immer hinter dem Wall verschwand, weil er genau wußte, "he dörp dat nich".