Triumphe, Niederlagen und eine schwere Hypothek: George Bush steht vor einem gigantischen Schuldenberg

Von Dieter Buhl

Als am 30. April 1789 der erste Präsident der Vereinigten Staaten auf dem Balkon des Bundesgebäudes in New York – damals vorübergehend Hauptstadt – vereidigt wurde, dämpfte eine Sorge seinen Stolz und seine Freude. "Ich fürchte sehr", gestand der sonst so selbstsichere George Washington, "daß meine Landsleute zuviel von mir erwarten." In den zweihundert Jahren seither sind die Erwartungen der Amerikaner an die Inhaber des höchsten Amtes ebensowenig geschwunden wie deren Befürchtungen, sie nicht erfüllen zu können. Gegen den Druck ist jetzt auch George Bush bei seiner Inauguration nicht gefeit. Auf ihm lastet eine um so schwerere Bürde, als sein Vorgänger das Weiße Haus im Zenit seiner Beliebtheit verläßt. Ist er allen Erwartungen der Amerikaner gerecht geworden?

Bis auf weiteres wird Ronald Reagan der Maßstab sein, an dem sich der Nachfolger messen lassen muß. Die Latte liegt hoch, denn der Senior aller Präsidenten hielt bis zum Schluß in voller Stärke durch. Was war vor Reagan nicht alles über die schier unmenschlichen Belastungen des Präsidentenamtes gesagt und geschrieben worden? Die Position an der Spitze galt als Himmelfahrtskommando, das Oval Office als Folterkammer, wo jedem Politiker die Vernichtung drohte. In den Schicksalen der Amtsinhaber seit Dwight D. Eisenhower schien sich geradezu eine Gesetzmäßigkeit tragischen Versagens abzuzeichnen. Wenn sie nicht ermordet wurden wie John F. Kennedy, dann verschwanden sie zermürbt wie Lyndon Johnson oder als Paria wie Richard Nixon, dann stahlen sie sich geschlagen davon wie Gerald Ford und Jimmy Carter.

Eine erstaunliche Karriere

Nun aber verabschiedet sich ein Präsident hocherhobenen Hauptes. Zwei volle Amtszeiten hat Ronald Reagan ohne sichtbare Blessuren überstanden. Ein Attentat und schwere Krankheiten haben ihn nicht aus dem Sattel werfen können. Ungebrochen und frohen Mutes, so mag es Amerikas inzwischen von seinen Metaphern geprägte öffentliche Meinung empfinden, reitet Reagan aufrecht in den Sonnenuntergang Kaliforniens. Und die Legende vom Präsidenten als Sisyphus läßt er zerstört hinter sich zurück.

Der Schlußakt paßt zu einer erstaunlichen Karriere. Viele Europäer reiben sich ja bis heute die Augen und fragen, wie ein zweitklassiger Leinwandmime, ein Reisender in patriotischen Platitüden, ein Gouverneur ohne jede außenpolitische Erfahrung überhaupt zum Führer der westlichen Supermacht aufsteigen konnte. Daß er sich in der Höhenluft hielt, ist mindestens ebenso wundersam. Denn Zweifel an seiner Befähigung hat Reagan während der Präsidentschaft ständig genährt. Ob er Langstreckenraketen für rückholbar erklärte, einen seiner Minister "Bürgermeister" titulierte oder Bäume und Sträucher als die gefährlichsten Luftverschmutzer verdammte, ob er in Kabinettssitzungen einschlief oder auf Pressekonferenzen haarsträubende Erkenntnisse vortrug – der dringende Verdacht der Inkompetenz begleitete ihn bis zum Schluß.