Von Thomas Kernert

Langsam rollt das Flugzeug auf dem Vorfeld aus. Die Busse warten bereits. Vorbei an den tapfer lächelnden Stewardessen betrete ich die Gangway. Nächtliche Kälte und das ohrenbetäubende Pfeifen der Turbinen. Wieder zu Hause: "... Ich grüße dich, schönes Sirmio! Deines Herrn freu dich... und was im Haus an Lachgeistern lebt, lächle!..." In den Gesichtern um mich herum lassen sich freilich beim besten Willen keine Catullschen Lachgeister erkennen. Müde Menschen lächeln nicht freiwillig. Jener bleiche, unappetitliche Schlaf, den man sich in der Enge der Touristenklasse aufzwingt, hinterläßt keine allzu heiteren Spuren.

Während der Bus an den dunklen Silhouetten geflügelter Riesenfische vorbei zum Flughafengebäude fährt, glimmt am Horizont zaghaft der Morgen. Wieder zu Hause! Rein "technisch" erkenne ich jede Einzelheit wieder. Aber wo bin ich wirklich? Meine Gedanken fallen auseinander, und ich friere. Der Wollpullover, den ich vorsorglich durch die dampfende Luft der Tropen mit mir herumgeschleppt habe, um bei der Rückkehr ins winterliche Deutschland keinem Kälteschock zu erliegen, erweist sich als zu dünn.

Ich versuche mich zu konzentrieren: 15 Stunden oder 11 000 Kilometer von Manila nach München, mit Zwischenlandung in Hongkong. Die Kostüme des Bodenpersonals in Manila waren grau, die in Hongkong rot, und die in München sind dunkelblau. Auf dem Gepäckförderband kommt mir eine endlose Reihe fremder Koffer entgegen. Als ich meinen erkenne, ist er bereits ein gutes Stück hinter mir, und ich muß eine schnelle, ungeschickt anmutende Bewegung ausführen, um ihn noch zu erreichen.

Ansonsten keine Zwischenfälle: Der Taxifahrer sagt gottlob kein Wort, und der Haustürschlüssel paßt ohne Mühe ins Schloß. Alles ist, wie es war, und diese monotone Kongruenz von Vergangenheit und Gegenwart beweist mir, daß ich heimgekehrt sein muß.

Tausende von Menschen kehren tagtäglich von irgendwoher heim. Bahnhöfe und Flughäfen quellen über von Heimkehrenden aus allen Himmelsrichtungen. Und doch muß man sehr genau hinschauen, will man sie erkennen. Man gibt sich bedeckt. Die Zeiten, da sich die Heimkehrenden vor aller Augen in die Arme ihrer sehnsüchtig wartenden Angehörigen warfen, scheinen vorbei zu sein. In den Ankunftshallen trifft man kaum noch jemanden, der den Eindruck macht, seine Heimat freudig wiederzuerkennen. Braungebranntes Fleisch im Januar, ein Label der Thai International am Pilotenkoffer, eine Streichholzschachtel vom "Sheraton" in Vancouver, das ist häufig schon alles, was den Heimkehrenden verrät.

Der Verdacht drängt sich auf, daß wir über die Jahre zu einer Art "land of no return" geworden sein könnten. Und daß, obgleich wir uns – gründlich wie wir sind – wie kaum ein anderes Volk in allerlei Angelegenheiten im "Ausland" herumzutreiben pflegen. Man trifft uns überall an, und überall erkennt man uns sogleich. Es läßt sich nicht gerade behaupten, daß wir uns an den Stränden Spaniens oder in den Städten des Fernen Ostens über die Maßen zurückhaltend benähmen. Leise werden wir in der Regel erst wieder, wenn wir heimischen Boden betreten haben. Lautstarke Heimkehrgefühle jedenfalls sind derzeit nicht unsere Stärke. Und darin unterscheiden wir uns von anderen. Wie oft habe ich Inder und Filipinos beobachten können, die schon feuchte Augen bekamen, wenn die Maschine im Anflug auf Bombay oder Manila nur ihre Reiseflughöhe verließ und zur Landung ansetzte. Uns treibt in solchen Minuten höchstens die bange Frage um, ob die Nachbarn die Blumen auch anständig begossen haben oder ob der Supermarkt noch geöffnet ist.