Bonn

Sind Sie nun fertig und gehen friedlich zu Ihrem Wagen?" fragt uns der junge Polizist, als wir das Hochhaus am Tulpenfeld verlassen, und er fügt fast entschuldigend hinzu: "Dann haben wir nämlich auch Feierabend." Es ist der 22. Dezember 1988. Um 13 Uhr 30 trat der Verteidigungsausschuß zusammen, um über den Absturz eines amerikanischen Kampfflugzeuges in Remscheid am 8. Dezember zu sprechen.

Die Nachfrage des jungen Polizisten hinsichtlich unserer Friedfertigkeit verstärkt unseren Eindruck, daß das politische Bonn sich eine höchst eigene Realität geschaffen hat und das, was von außerhalb kommt, nicht nur falsch einschätzt, sondern auch abwehrt. Während der einstündigen Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt für die Opfer von Ramstein, Remscheid und Forst erhalten wir beachtliche Polizeibewachung, da wir Transparente und Luftballons in den Händen halten. In der sich anschließenden Pressekonferenz der Bundeskoordination der Tieffluggegner hören wir zufällig die Bemerkung zweier Pressevertreter über den Krampf einer solchen Veranstaltung. Bonner Abwehrverhalten auch vor dem Abgeordnetenhaus. Scheinbar läßt es sich mit Bonner Ritualen nicht vereinbaren, wenn Menschen aus dem Lande, unangemeldet und spontan, den direkten Kontakt zu den Volksvertretern in Bonn begehren. Was also tun mit diesen Leuten aus Ramstein, Remscheid und Forst, die stellvertretend für Tausende die Forderung nach dem Ende der Tiefflüge unbedingt mündlich vor dem Verteidigungsausschuß bekräftigen wollen?

Zunächst erweisen sich die Sicherheitsschleusen als solides Hindernis. Da hilft der Zufall in Gestalt des SPD-Abgeordneten Albrecht Müller weiter. Er darf bis zu sieben Personen unter seinen besonderen Schutz nehmen und ihnen Einlaß gewähren. Nach einem kurzen Augenblick der Überwindung entschließt er sich, vier Menschen vor die Türen zu führen, hinter denen die Mitglieder des Verteidigungsausschusses ihres schweren Amtes walten. Was nun? Mehrfach wird uns versichert, die Geschäftsordnung stünde unserem Begehren entgegen, unser Anliegen sei unerfüllbar.

Noch einmal erweist sich Abgeordneter Müller als äußerst hilfsbereit: Seine schriftliche Bitte an den stellvertretenden Ausschußvorsitzenden, dieser möge die Sitzung kurz verlassen, um die angereisten Bürgerinnen und Bürger anzuhören, wird durch Boten überbracht. Und dann wird demokratische Praxis zelebriert: Herr Kolbow tritt vor die Tür, freundlich und aufgeschlossen kommt er auf uns zu, bereit zuzuhören. Kameras werden eingeschaltet. Ja, er werde seinen Kollegen im Ausschuß alles mitteilen, versichert Herr Kolbow höflich und wendet sich wieder seiner eigentlichen Arbeit hinter der Tür zu.

Doch, Herr Kolbow ist ein freundlicher Mann, er hätte sich ja auch verweigern können, und daß die kurze Begegnung mit ihm folgenlos bleiben würde, wer hätte daran gezweifelt? Daß aber auch der seit Jahren anhaltende Protest der von Tiefflügen geängstigten und geplagten Menschen ebenso erfolglos geblieben ist, verstärkt auf bedrückende Weise die Fadheit der eben erlebten Schau.

In den Abendnachrichten ist dann das Arbeitsergebnis des Ausschusses zu hören: Die Tiefflugpause bis zum 2. Januar wird bestätigt, danach werden die Flüge unvermindert fortgesetzt. Und ganz im Sinne der Ausschußmehrheit erteilt der Referent der Arbeitsgruppe Verteidigungspolitik der CDU/CSU, Alfred Fletcher, beunruhigten Remscheider Bürgern brieflich eine Lektion: "... Ihre Einschätzung der Bedrohungssituation – mit dem Attribut ‚angeblich‘ bewertet – entspricht leider der Stimmung in unserem Lande. Ich empfehle Ihnen, sich hierzu qualifiziert informieren zu lassen... Daß ich Ihnen abschließend eine friedvolle Weihnacht wünschen kann, ist nicht zuletzt den Tiefflügen in der Vergangenheit zu verdanken, die zur Erhaltung der Einsatz- und Abschreckungsfähigkeit der Bundeswehr als wichtiger Bestandteil der Nato beigetragen haben."

Christel Herrmann