Jean Paul Sartre • Stefan Zweig Ernst Junger

Kurt Marti • Dorothy Parker

Während seiner Mobilisierung im Elsaß schrieb Jean Paul Sartre Tagebuch: vom September 1939 bis zum Juni 1940. Einige der Hefte sind verschollen, die erhalten gebliebenen sind in der sechsbändigen Kassette "Autobiographische Schriften, Briefe, Tagebücher" (im Rahmen der großen Ausgabe der Gesammelten Werke) abgedruckt (rororo, deutsche Erstausgabe 1914; 78,– DM): Die Carnets enthalten selbstanalytische Passagen, Porträtskizzen von Kameraden, vor allem aber Vorarbeiten zu "Sein und das Nichts" und "Die Wörter".

Sartre will "nicht authentisch" sein – und das gil auch für den Stil der Tagebücher selbst. Das wird besonders deutlich, wenn er sich mit André Giles Tagebüchern auseinandersetzt: Gide habe dort versucht, das Stilideal Stendhals zu kopieren, dessen Denken sich nicht einmal die Zeit nehme, sich Schuhe anzuziehen, ehe er losliefe. Diese Teidenz zum automatischen Schreiben verstand Gide so: "Sobald die Empfindung nachläßt, müßte die Feder stoppen." Sartres Kommentar: "Was außerhalb der Tagebücher kaum möglich ist – und was mich ein wenig schockiert, mich, der ich in diesem Tagebuch hier sofort in meinem Schamgefühl verletzt bin, wenn ich von dem, was ich schreibe, keinen ehrbaren Abstand halte."

Stefan Zweig schrieb "Tagebücher" (Fischer TB 9238, EA 1984; 26,80 DM), weil er kontrollieren wellte, "ob ich über mich die Gewalt habe, jede Nacht, so wie ich meine Uhr aufziehe, auch in mir eine stählerne Spirale aufrollen und – selbst an jenen traumhaft verdösten Tagen – mir Rechenschaft zu geben, Bericht zu leisten" [sie!]. Die Notizen sind aber nicht bloß Rechenschaftsbericht, sondern auch Arbeitsjournal, in dem Rohmaterial geplanter Werke auftaucht und getestet wird. Zweig schreibt ohne Rücksicht auf literarische Ansprüche, er "denkt ohne Schuhe", und diese geradezu nackte Unmittelbarkeit macht die Notate aufschlußreich und spannend. Das gilt fürs Intimleben des großen Erotikers Zweig ("Abends alle Arbeitsabsichten in einem freundlichen Brünner Fräulein verdrängt, dreißig Minuten nur, aber genug um die Phantasie faul zu machen") ebenso wie für seine politischen Haltungen. Überraschend, wie sich der elegante Weltbürger zu Anfang des Ersten Weltkriegs von der allgemeinen Kriegshysterie anstecken ließ.