Von Susanne Mayer

Von Meinrad Koch erzählte man sich Erstaunliches. Ein Professor im Bundesgesundheitsamt, ein seriöser Virologe, wohl leidenschaftlich in seinem Fach, doch seine statements gegenüber der Presse – knapp und korrekt, fast unzitierbar, so farblos. Und dann, erzählte der Kollege Redakteur, habe er in Berlin wieder mal angerufen, vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt des Aids-Fiebers, und ihn als Leiter der Abteilung Virologie zu den Gefahren der neuen Seuche befragt. Unglaublich. Der Mensch am anderen Ende der Leitung – ein anderer Mensch! Der habe nur so gesprudelt, gelacht, auch getobt und statements abgegeben, fast unzitierbar, so rüde.

Die Killerseuche Aids bringt uns alle um? Barer Unsinn! "Die Leute sollen doch nicht so tun, als ob die 60 Millionen Bundesbürger ein Heer von Rudelbumsern wären. In den meisten deutschen Schlafzimmern sieht es wahrscheinlich absolut trostlos aus." Mitgefühl schwingt in des Professors Stimme.

"Wir müssen einfach jedem Menschen klarmachen, wenn er sich einläßt mit einem Unbekannten, dann läßt er sich auf ein Risiko ein. Soll er sich das Verkneifen? Nein! Der muß nur seine Gewohnheiten ändern!" Meinrad Koch kommt in Fahrt. "Der deutsche Mann hat leider ein gespaltenes Verhältnis zum Pariser Der ist gewöhnt an freie Fahrt für freie Bürger und verlangt den freien Penis."

Koch lehnt sich zurück. Welch ein Bauch. Was für Büsche von Brauen, exzessiv geradezu, und ein Blick, belustigt und frech. Wir heben die Gläser, Montepulciano d’Abruzzo 1986, den hat er schon mal warmgestellt, der sei besser als der, den er normalerweise trinke. Sollte Meinrad Koch früher nur der nüchterne Wissenschaftler gewesen sein, sollte es stimmen, daß manche Kollegen ihn von Kongressen her nur so kennen, er muß den Bonvivant gut verstecken können.

Ein riesiger Mann, der von der Kochkunst seiner Frau schwärmt und Besucher in Diskussionen über Eckhard Henscheid und Stefan Heym verwickelt. Er spricht langsam, ja genießerisch, rundet jedes Wort ein wenig rheinisch und nimmt ihm so jene Schärfe, die das gedruckt Zitierte hat. Ein wenig schuldbewußt räumt er ein, daß er gerne flotte Sprüche klopft, die aus dem Munde eines Endfuffzigers ein wenig ungewöhnlich klingen mögen. Aber sei das nicht viel plastischer als die behördlich-peinlichen "Sexualkontakte"? Koch war einer der ersten, der sich mit Aids befaßte, die Gefahr erkannte und Alarm schlug. Als vor einem Jahr das Nationale Aids Zentrum eingerichtet wurde, war er unstrittig der Kandidat für die Leitung.

Das Nationale Aids Zentrum ist die dem Bundesgesundheitsamt angeschlossene Koordinationsstelle für die klinische Erforschung der Epidemie und ihrer Ausbreitung. Ein Etat von rund zwei Millionen, rund 30 Mitarbeiter, Ärzte, auch Psychologen, es herrscht ein locker Ton, und es ist schwierig, den Chef alleine zu sprechen, weil die Mitarbeiter hereinschauen und an den runden Tisch gebeten werden und dann schon alle in ein Gespräch verwickelt sind. Von hier kommen die Meldungen, die sich wie Balsam auf die Angst und Panik legen. Nein, Aids breitet sich nicht schneller aus als befürchtet. Die Zahl der Neuerkrankungen ist weit niedriger, als erwartet. Koch, mit unwirscher Handbewegung: "Wer andere Zahlen hat, soll sie vorlegen." An der Schiefertafel in seinem Zimmer glänzen Kurven aus Kreide.