Nicht gerade ein Museum der Avantgarde, wie es der Titel der Ausstellung verspricht, sondern vorwiegend die Bestände einer engagierten Galeristin, die aus jeder ihrer Ausstellungen junger Künstler ein Werk zurückbehielt – diesen Eindruck vermittelt die Ausstellung der New Yorker Sammlung Ileana Sonnabend, die im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist.

Eine Ausstellung, die gleichzeitig auch ein Portrait der Leihgeberin ist, die nie einer gradlinigen künstlerischen Konzeption nachging, sondern, in einer reizvollen und erfolgreichen Verbindung von Neugier und Kalkül, immer nach jungen Talenten und neuen Strömungen Ausschau hielt. Woraus sich auch die Stärken und Schwächen dieser stilistisch bunten und in der Qualität oft unterschiedlichen Sammlung erklären.

Als Ileana Sonnabend 1962 ihre erste Galerie in Paris eröffnete, importierte sie die amerikanische Pop Art, die sie zusammen mit Leo Castelli in New York ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hatte. Gleichzeitig spürte sie in Europa die "Nouveaux Realistes" auf, Christo und Arman zum Beispiel, und verhalf ihnen in New York zum Erfolg. Sie gehörte zu den ersten, die Minimal Art, Arte Povera und Photographie und Video ausstellte. 1970 ging sie nach New York zurück. Ihre Galerie wurde zum Zentrum europäischer und amerikanischer Avantgarde. Treffend beschrieb es der Sammler Peter Ludwig: "Sie sieht sich als Kunst-Vermittlerin mit Freude am Risiko, mit einer Begeisterungsfähigkeit, die ihresgleichen sucht. Dabei weiß sie, daß sie nicht immer recht haben kann. Aber sie weiß auch, wie oft sie recht gehabt hat und wie sehr sie die Geschichte der Kunst in den letzten dreißig Jahren hat mittragen können." In diesem Sinne ist die Übersicht über Künstler ihrer Galerie gleichzeitig eine Chronik amerikanischer und westeuropäischer Kunstströmungen seit 1962. Schwerpunkte der Ausstellung, die Schritt für Schritt den Weg von der Pop Art über Minimal, Arte Povera, amerikanischer und europäischer Concept Art einschließlich der elektronischen Photokunst bis hin zur neuen deutschen Malerei und des Neo-Dada nachzeichnet, sind zweifellos die sechziger und siebziger Jahre, in denen die Galeristin für ihre Künstler die Weichen stellte.

Die Werke von Rauschenberg, Jasper Johns, Jim Dine, Warhol, Lichtenstein und Oldenbourg, von Judd, Serra, Don Flavin, Bruce Naumann, Mario Merz, Jannis Kounellis, Boltanski, den Bechers und den Poirets, vermitteln viel von der Aufbruchsstimmung und der ungestümen Ideen- und Kunstproduktion dieser Jahre. Bemerkenswert ist übrigens, daß die Galeristin sich bereits 1977 für Baselitz und seit 1978 für Anselm Kiefer in Amerika einsetzte, der mit drei frühen Werken in ihrer Sammlung vertreten ist. Ob ihre legendäreAufgeschlossenheit oder vielleicht doch der Zwang der wechselnden Moden die Auswahl der jüngsten amerikanischen Maler mitbestimmte (Peter Halley, Meyer Vaisman und Jeff Koons), mit denen die Übersicht schließt, ist schwer zu sagen. Sicher jedenfalls ist, daß die Avantgarde-Werke von einst mittlerweile zu einer Kunst geworden sind, mit der man nunmehr Museen ausstattet: Die Sammlung Sonnabend wird geschlossen ins neugegründete Museum of Modern Art in Massachusetts gehen. (Hamburger Bahnhof bis zum 28. Februar; Katalog 30 Mark)

Barbara Gaehtgens