Brasilien

Schafft es Präsident José Sarney nun endlich im dritten Anlauf, die überbordende Inflation in Brasilien einzudämmen? Der Staatschef richtete am vergangenen Sonntag einen dramatischen Appell an die Nation und erläuterte vor den Fernsehkameras seinen Plan: Mit Preisstopp und Sparen, Lohnverzicht und Schuldenabbau sollen die Inflation von nahezu tausend Prozent besiegt und die tiefgreifende Wirtschaftskrise der achtgrößten westlichen Industrienation überwunden werden.

Am Montag und Dienstag blieben die Banken in Brasilien geschlossen. Die Geldinstitute müssen sich umstellen: Bei der Landeswährung, dem Cruzado, werden drei Nullen gestrichen. Aber das ist nur die kosmetische Seite der Wirtschaftsreform. Viel wichtiger: Die Preise von fast 250 Artikeln des täglichen Bedarfs wurden eingefroren. Löhne und Gehälter sollen in Zukunft nicht mehr automatisch mit der Teuerung steigen, sondern nach einer Übergangszeit frei zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelt werden. Staatsbedienstete müssen mit Gehaltseinbußen rechnen. Vater Staat will nur noch 65 Prozent seiner Einnahmen fürs Personal ausgeben – so wie es die neue Verfassung vorschreibt. Im öffentlichen Dienst sollen rund 60 000 Stellen wegfallen, und vierzehn Staatsbetriebe sollen privatisiert werden. "Wir werden keinen Centavo mehr ausgeben, als an Einnahmen vorhanden sind", beteuerte der Präsident.

Bisher borgte sich Vater Staat jeden Tag riesige Summen, um das Loch in der Haushaltskasse zu stopfen. Diese kurzfristigen Regierungsanleihen waren für die Käufer mit hohen Zinssätzen versüßt, die automatisch über der Inflationsrate lagen. Sie sollen nun wegfallen. Alle Arten finanzieller Verbindlichkeiten müssen "desindexiert", also losgekoppelt werden von einer automatischen Anpassung an die Teuerung. Nur die Mieten und längerfristige Sparverträge machen eine Ausnahme.

Das "Sommerpaket", das der Präsident schnürte, findet geteilten Beifall bei den Brasilianern. Größere Überraschungen brachte es nicht mehr. Seit Weihnachten kochte in Brasilia die Gerüchteküche. Im Vorgriff auf den erwarteten Preisstopp erhöhten Handel und Industrie, öffentliche und private Unternehmen saftig Gebühren und Preise. In den Supermärkten wurden neue Preisschilder im Akkord gemalt. Statt die Inflation zu drücken, provozierten die Regierungsankündigungen eine beispiellose Teuerungsflut. Wer in São Paulo zum Wochenende einen Kühlschrank kaufte, der mußte fast das Doppelte des Preises vom Wochenbeginn hinblättern. "Die Hyperinflation ist gekommen, wenn Taxifahren billiger wird als die Benutzung der Straßenbahn. Warum? Weil man in der Straßenbahn vor Fahrtantritt bezahlt, im Taxi aber nachher – und während der Fahrzeit verliert das Geld an Wert", bemerkt sarkastisch das englische Wirtschaftsmagazin Economist.

Am vergangenen Wochenende versuchte der Präsident die Sozialpartner auf seinen Sanierungsplan einzuschwören. Die Gewerkschaften lehnen ihn ab, denn sie wollen unter allen Umständen einen weiteren Lohnverzicht der Arbeitnehmer verhindern. Seit Sarney das Land regiert haben die brasilianischen Arbeiter die Hälfte ihrer realen Arbeitseinkommen verloren. Einige ihrer Führer fordern Generalstreik. Doch dem Mann auf der Straße ist nicht nach Streik zumute. Der Regierung vertraut er schon lange nicht mehr. Daß aber ein Streik die Teuerung beendet, glauben die Brasilianer auch nicht mehr. Also warten sie erst mal skeptisch ab, was die Zukunft bringen mag.

Dies ist Sarneys dritte und letzte Chance. In vier Jahren ist es ihm mit vier Finanzministern nicht gelungen, die Inflation zu brechen. Im Frühjahr 1986 schien er mit dem "Piano Cruzado" Glück zu haben. Per Dekret wurden die Preise eingefroren. Ein Kaufrausch erfaßte das Land. Aber als die Unternehmer den Preisstopp mit Produktionsboykott beantworteten, waren die Regale in den Geschäften schnell leer. Die Regierung mußte nachgeben, die Preise stiegen wieder mit doppelter Geschwindigkeit. Ein Jahr später erfolgte der zweite Versuch, mit einem Preis- und Lohnstopp die Inflation einzudämmen. Schon nach wenigen Wochen mußte diese Politik abgebrochen werden, denn keiner hielt sich an die vereinbarten Maßnahmen. Am allerwenigsten die Regierung selbst, die weiter mehr ausgab, als sie einnahm. Im Herbst vergangenen Jahres versuchten die Sozialpartner mit dem "Sozialpakt" eine Initiative zur Lohn- und Preisdisziplin. Auch dieses Unterfangen scheiterte an der Halbherzigkeit der Beteiligten.