Wer anders als Freya Moltke hätte den Mut gehabt, die Memoranden des Kreisauer Kreises und die Briefe ihres Mannes Helmuth Graf Moltke über Jahre zu verstecken, auch während dieser vor Gericht stand! Sie hat diese Zeugnisse, selbst als er zum Tode verurteilt wurde, nicht verbrannt, sondern unter Lebensgefahr für die Zeit „nach Hitler“ erhalten. Sie selber, gebürtige Kölnerin, hatte, wie ihr Mann, Jura studiert und 1935 in Berlin promoviert. Heute lebt sie in den Vereinigten Staaten.

Beate Ruhm von Oppen – in Frankfurt aufgewachsen, in England zur Universität gegangen – lehrt am St. John’s College in Annapolis, USA. Sie hat zehn Jahre an der Herausgabe der Briefe gearbeitet, die Helmuth Moltke von 1939 bis zu seiner Verhaftung im Januar 1944 fast täglich an seine Frau schrieb. Das Buch (Helmuth James Graf Moltke: „Briefe an Freya, 1939 – 1945“; Verlag C.H. Beck, München; 632 S., 68,– DM) ist eine ganz vorzügliche Edition mit vielen Fußnoten, aus denen der Leser alles geschichtlich Wissenswerte der Zeit erfährt: Warum was geschah, wer wer war und wen kannte, und was die Vorgeschichte bestimmter Ereignisse gewesen ist.

Der Schreiber dieser Briefe erweist sich als ein überzeugter Christ, unbestechlich, mutig, zugleich grüblerisch, furcht- und vorurteilslos, selbstbewußt, dabei ohne jede Arroganz, weltweit in Phantasie und Ambition, zugleich fest in seinem kleinen, schlesischen Bereich wurzelnd. Von Anbeginn hält er „das Verdorren aller menschlichen Werte“ für die schlimmste Folge des totalitären Regimes.

Am 28.9.41 schreibt er: „Die Tage rasen dahin. Es kommt mir so schnell vor, weil ich den Verfall sehe und jeder Tag, der vergeht, ohne daß diesem Elend und Morden Einhalt geboten wird, einem verpaßten Jahr gleichkommt. Jeder Tag kostet 6 000 Deutsche und 150 000 Russen – Tote und Verwundete ... Das ist ein schrecklicher Preis, der jetzt für Untätigkeit und Zögern ( gemeint sind die Generäle ) gezahlt werden muss.“

Am 21.10.41: „In Serbien sind an einem Ort zwei Dörfer eingeäschert worden, 1 700 Männer und 240 Frauen von den Einwohnern sind hingerichtet. Das ist die ‚Strafe‘ für den Überfall auf drei deutsche Soldaten ...“

Merkwürdigerweise hat Moltke, der alles wissen wollte und der an einer Stelle saß, wo er mehr erfuhr als alle anderen, von Juden-Vernichtungen in Polen erst im Oktober ’42 erfahren: „Ich habe es bisher nicht geglaubt, aber (ein eben aus Polen kommender Mann) hat mir versichert, daß es stimme. In diesem Hochofen (,SS-Hochofen’) werden täglich 6 000 Menschen ,verarbeitet‘. Er war in einem Gefangenenlager etwa 6 km entfernt, und die Offiziere dieses Lagers haben es ihm als absolut sicher berichtet.“ (Brief vom 10.10.42)

Am 7.6.43 schildert er einen Besuch in Brüssel bei dem Militärbefehlshaber General von Falkenhausen und dessen Vertreter Craushaar: „Zu meiner grossen Freude hat sich mein letzter Besuch dahin ausgewirkt, daß seitdem keine Belgier mehr strafweise deportiert worden sind ... Außerdem habe ich mit Craushaar verabredet, daß er die 300 Geiseln, die er noch sitzen hat, aus der Geiselhaft entläßt. Immerhin bedeuten diese Tage, daß ich zusammen mehr als 1 000 Menschen die Freiheit verschafft habe, wenn alle halten, was sie versprochen haben.“