Von Joachim Fritz-Vannahme

Der Industrieminister machte der Presse Mut. Sie solle nicht auf halbem Wege haltmachen, feuerte sie Roger Fauroux in einem Interview an. Die eben aufgedeckte Affäre Pechiney sei zwar ein Fall für die Börsenaufsicht; doch dem Skandal um die Société Generale komme ein ganz anderes Gewicht zu.

Im November hatte der Staatskonzern Pechiney für über 800 Millionen Dollar die amerikanische Firmengruppe Triangle übernommen. Das Geschäft wurde wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Doch ausgerechnet zwei enge Freunde von François Mitterrand verdienten an der Transaktion kräftig mit: Hatten sie nur Wind von der Sache – oder gar einen handfesten Tip bekommen?

Im Oktober versuchte eine private Investmentgruppe die Kontrolle über die vor zwei Jahren privatisierte Bank Société Generale zu erobern. Unterstützt wurde sie dabei von der staatlichen Sparkassen-Depotbank. Der sozialistische Finanzminister Pierre Bérégovoy hat den am Ende vergeblichen Versuch gedeckt. Eine Verschwendung von Staatsgeld durch die Depotbank, klagte die rechte Opposition; ein Beweis für mangelnde Unabhängigkeit der Depotbank, erklärte Fauroux. Bérégovoy war bloßgestellt, der Kabinettskrach zwischen Finanz- und Industrieminister da. Tagelang wurde spekuliert, wer von beiden seinen Schreibtisch räumen müßte.

Die Affären haben miteinander nichts zu tun, doch sie geben dem neuen Bild Konturen, das sich die Franzosen von den regierenden Sozialisten machen. Die Zeiten, in denen die Linken als unbescholtene Kritiker des Großkapitals auftreten konnten, sind jetzt vorbei. "Das Geld, das korrumpiert; das Geld, das tötet; das Geld, das alles verdirbt, selbst das Gewissen der Menschen", so geißelte François Mitterrand beim Gründungskongreß der Sozialistischen Partei 1971 in Epinay die Macht der Finanziers. Schon im katholisch-bürgerlichen Elternhaus war dem Sozialistenführer beigebracht worden, daß "die Hierarchie des Geldes nur Unordnung mit sich bringt". Wie die Mitterrands schrieben damals viele die Nöte Frankreichs allein den Machenschaften der "Zweihundert Familien" zu. Nicht viel anders denken noch heute Kommunisten, wenn sie gegen die "Macht der Hunderttausend" wettern. Linke Politiker wollten die böse Macht des Geldes mit der guten Macht der Politik zähmen. Das erklärt manch linke Vorliebe für Verstaatlichungen.

Finanzaffären begleiten die Geschichte der französischen Republiken, vom Panama-Skandal am Ende des letzten Jahrhunderts bis zu dubiosen Baugeschäften unter General de Gaulle. Daß l’argent, das Geld, politisch rechts und die Rechten dem Geld besonders nahe stehen, daran hatten sich die Franzosen gewöhnt. Daß auch die Linke, einmal an die Macht gekommen, den Griff nach dem Mammon nicht scheut und sich ihre Parteikasse ganz ungezwungen aus dem Staatssäckel füllt, lernten sie 1986 beim Skandal um den sozialistischen Entwicklungsminister Nucci.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Revolution von 1789 läßt eine sozialistische Regierung zu, daß Freunde und Sympathisanten begünstigt werden. Le Monde sah die einst integre Linke schon in einer "Falle des Geldes" gefangen und verglich die beiden Skandale, die sich um Pechiney und die Société ranken, mit der Greenpeace-Affäre 1985: Damals büßte die Linke durch die Versenkung der Rainbow Warrior und den Tod eines Umweltschützers ihren hohen Anspruch ein, Moral über schnöde Staatsräson zu stellen. Nun steht auch in Sachen Macht und Geld ihr guter Ruf auf dem Spiel.