ZDF, Montag, 23. Januar, 19.30 Uhr: "Lockvögel", von Rolf Silber

Was ist das denn für ein deutscher Unternehmer! Steht lustlos und sichtlich gelangweilt vor dem Plan eines neuen gigantischen Projekts. Einen Märchenpark à la Eisneyland will er ins Spessarttal setzen: "Erholung und Entertainment in sauberer Umwelt". Und dieser Mittvierziger mit den viel zu weichen Gesicht (Winfried Glatzeder) könnte daran viel Geld verdienen. Doch sein kühner Entschluß, so scheint es, ist längst von des Gedankens Blässe angekränkelt, wenn er da mit seinem Assistenten vor einem Waldpark-Modell steht. Gleich wird er anfangen zu weinen oder mit den Miniatur-Bäumen zu spielen: Hamlet im großen Management.

Nein, er reißt sich raus aus seinem Sinnen, er stürmt hinaus, um den Waldbesitzer unter Druck zu setzen, er schreitet nun doch zur Tat. Aber dies Zur-Tat-Schreiten ist, als ließe er sich fallen – in die Netze, die ihn umgeben, in die Marionettenfäden, die ihn halten und ihn so zackig wie einen guten Kasper mit dem Telephon und dem Auto und den Geschäftspartnern umgehen lassen.

Ist das der Typ des modernen Unternehmers? Nicht mehr der Kämpfer, der sich gegen alle Widerstände durchsetzt, sondern der Smarte, der dem Sog der ökonomischen Sachzwänge erliegt? Könnte es sein, daß unsere Wirtschaft gar nicht von entschlossenen Neuerern beherrscht wird, sondern von den willfährigsten Werkzeugen blindwirkender, wirtschaftlicher Mechanismen? Dieser nette, ängstliche, dieser melancholische und immer etwas geistesabwesende Manager legt die Vermutung nahe.

Und was ist das für ein deutscher Waldbauer (Hans Beerhenke), der sich und seinen "sauren" Wald schon so weit aufgegeben hat, daß er zu seinen Gängen stets ein Taschenfläschchen mitführt und ein Hackebeilchen, um die moribunden Buchen, Föhren und Erlen zu zeichnen? So ein Defätist will ein deutscher Waldbauer sein? Da wird Milch getrunken, Kalk gestreut und auf den nächsten Waldschadensbericht gewartet! Oder will man uns hier nahelegen, daß beim Anblick dieses saftig grünen Spessarttales Resignation am Platze sei? (Da darf doch einmal ausnahmsweise an die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers erinnert werden.)

Und was, bitte sehr, ist das für eine deutsche Tierärztin (Krista Posch), daß sie sich mit diesem Scheich einläßt, diesem Tierquäler, der Spessartfalken in den Orient entführen will, wo sie elend verrecken müssen? Okay, sie klaut den Falken, und sie heiratet den smarten Manager, der seine Naturliebe entdeckt hat und nun gar nicht mehr managen will. Aber auch sie tut nichts mit rechter Herzensfreude. Immer dieses gequälte oder weinerliche Gesicht. Gibt es denn keine Liebenswürdigkeit mehr im deutschen Fernsehen, nichts mehr, was das Herze wärmt und hebt? Sogar die Aufnahmen vom Spessarttal sind unruhige, zerschnittene Bilder. Nirgends mehr heile Welt.

Der Film ist übrigens nicht sehr gut, doch gerade bei nicht sehr guten Filmen kann man sich so seine eigenen trüben Gedanken machen. Martin Ahrends