"Herbstmilch" von Joseph Vilsmaier

Ein kleines Mädchen, zart, das Kopftuch tief in die Stirn gezogen, steht auf einem Holzschemel und müht sich am Waschbrett ab. Um sie herum eisiges Weiß. Ein Winterbild. Doch solch ländliche Idyllik ist nicht das eigentlich Wichtige in dem Film "Herbstmilch", der auf dem Erinnerungsbuch der bayerischen Bäuerin Anna Wimschneider basiert, das, 1984 erschienen, überraschend ein Bestseller wurde. Sechs Jahre aus dem Leben der Anna Wimschneider werden in bewegte Bilder umgesetzt. Sechs mühevolle Jahre und in Rückblenden kurze Szenen aus der Kindheit, die von ewiger Überforderung erzählen.

Schlicht, fast lakonisch hat Anna Wimschneider ihr Leben beschrieben. Diesen Ton hat der Film sich leider nicht zu eigen gemacht. Das Auge soll schwelgen. So beginnt "Herbstmilch" mit einer sonnendurchfluteten Massenveranstaltung der SS im Jahre 1938. Inmitten dieses Blendwerks trifft Anna (Dana Vavrova) den jungen Bauern Albert (Werner Stocker), den sie später heiraten wird. Argwöhnische Verwandte und die eifersüchtige Schwiegermutter machen ihr das Leben schwer, während Albert an der Front ist. Anna erduldet alles fast wortlos. Einmal jedoch, als sie beim Kreisleiter eine Hilfskraft für den Hof anfordert, sieht man sie zäh und ausdauernd kämpfen.

Trotz aller guten Absicht ist in "Herbstmilch" doch ein Hauch von Sentimentalität zu spüren, besonders wenn es um Annas und Alberts Liebesgeschichte geht. In schönster Hollywood-Manier läßt der Regisseur die Kamera um das tanzende Paar kreisen. Das Auge soll halt schwelgen.

Anne Frederiksen

"Der Priestermord" von Agnieszka Holland

Der Film, den Agnieszka Holland drehen wollte, sollte vom Ende einer Illusion und vom Beginn einer Legende erzählen, vom Tod eines Priesters und der Geburt eines Heiligen, von der Solidarnosc und vom Kriegszustand in Polen, von der Ermordung Jerzy Popieluszkos im Oktober 1984, von der Feigheit der Mächtigen und der Agonie einer entzweiten Nation. Der Film, den Agnieszka Holland für die amerikanische Produktionsgesellschaft Columbia schließlich drehen durfte, erzählt vor allem davon, wie all dies nicht zustande kam. "Der Priestermord" ist eine Produktionsruine, das Skelett einer toten Geschichte. Ein zeitgeschichtlicher Stoff, der teils wie ein mieser Kojak-Fall, teils wie ein Bresson-Verschnitt daherkommt; ein Star (Christopher Lambert), der sich vergeblich bemüht, wie ein Warschauer Stadtpfarrer auszusehen; ein Drehbuch, das einen Geheimpolizisten (Ed Harris) und seine Haßliebe auf den Priester in den Mittelpunkt der Geschichte stellt, der Figur aber jede Chance nimmt, wirklich lebendig zu werden; und eine Kamera, die die Fetzen dieses historischen Potpourris auf amerikanische Art zusammenzukleben versucht – das alles bietet "Der Priestermord". Der Film zeigt seine Wunde, dieses gähnende Loch aus Unentschiedenheit und kommerzieller Spekulation, so gründlich und verbissen, daß man den Wagemut des Produzenten, dieses Wrack doch noch ins Kino zu bringen, schon wieder bewundern muß.