Von Angela Oelckers

Für nichts wird so viel Reklame gemacht wie für Männer. Unentwegt erinnern sie an sich selbst: auf Geldscheinen und Gedenkmünzen, mit Bronzebüsten und Straßenschildern, in Lexika und Zitatensammlungen. Wer aber kennt Alma Karlin, Frances Willard oder Adelheid Reinbold? Wer erinnert sich an Gabriela Mistral, Fanny Lewald und Camille Claudel? Alles tolle Frauen, eine Nobelpreisträgerin darunter. Aber ein Standardwerk wie die 1988 von Hans Ulrich Wehler herausgegebene "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1715-1849" nennt im Register 700 Personen – ganze elf davon (1,5 Prozent) sind weiblichen Geschlechts.

Männer tradieren nur, was sie ererbt von ihren Vätern – das "mütterliche" Erbe müssen die Frauen sich schon selbst erwerben. Denn natürlich gibt es sie, die auch nach männlichen Normen erfolgreichen Frauen: mindestens 20 000. So viele hat die Linguistin und Feministin Luise F. Pusch in ihrem Personalcomputer - sie nennt ihn "meine Pute" – gespeichert.

"Bringen wir uns endlich in Erinnerung! Machen wir uns breit!" sagt Luise Pusch. Sie sammelt die Frauendaten nicht einfach zum eigenen Vergnügen wie andere Gemälde oder Briefmarken: haben und halten. Sie sammelt, um weiterzugeben. Da fragt eine Ratsfrau aus dem Fränkischen nach Frauen, die in der Region geboren sind: Ein Kulturpreis ist zu vergeben, und bislang sind nur Männer vorgeschlagen. Die Frauen der Grün-Alternativen Liste Hamburgs erbitten eine Aufstellung ehren-werter Hanseatinnen: Sechs neue Straßen sollen weiblich benamt werden. Eine Züricher Doktorandin der Germanistik möchte Zeitgenossinnen Bettina von Arnims kennenlernen. Eine Freiburger Journalistin sucht Frauen für die Gedenktage-Rubrik 1989. Da gäbe es zum Beispiel den 50sten Todestag der russischen Pädagogin und Lenin-Gefährtin Nadeschda Krupskaja oder den hundertsten Geburtstag der Widerstandskämpferin Johanna Kirchner, die am 9.Juni 1944 von den Nazis ermordet wurde. Die "Pute" sortiert je nach Fragestellung, die Ausdrucke verschickt Luise Pusch gegen Salär.

Vor zehn Jahren kam Luise Pusch auf die feministische Linguistik – und damit ans Ende ihrer Universitätskarriere, die bis 1979 beachtlich war: Heisenberg-Stipendiatin, Forschungsprofessur für fünf Jahre, 40 Aufsätze und zwei Bücher. Dann erschien ihr Aufsatz "Das Deutsche als Männersprache", in dem sie vorschlug, das Suffix "-in" abzuschaffen und wie im Englischen ein Neutrum einzuführen: "Sie ist eine gute Student. Ihre Leistungen sind beachtlich, und ihre Professor ist sehr zufrieden mit ihr. Früher war sie übrigens Sekretär bei eine Architekt." "Danach war ich die Radikalfeministin von Konstanz, die für feste Stellen indiskutabel war und ist", erzählt die Mittvierzigerin lachend. Das bekümmert sie allerdings überhaupt nicht, im Gegenteil. "Ich glaube schon, daß ich seither mitgeholfen habe, eine Veränderung der Sprache voranzutreiben. Außerdem freut es mich natürlich, wenn meine Aufsätze nun von mehr als fünf Personen gelesen werden." Sie geht auf Vortragsreisen, schreibt Bücher und vor allem Glossen über sexistische Sprache: "Die Menstruation ist bei jedem ein bißchen anders."

Das große Sammeln weiblicher Denkwürdigkeiten – Luise Pusch nennt es "Frauenarchäologie" – begann für sie 1982, als der hundertste Geburtstag von Virginia Woolf im Rummel um die Jubilare Goethe und Joyce unterging. Der (inzwischen eingestellten) feministischen Zeitschrift Courage bot sie daraufhin an, Frauengedenktage zu schreiben. Im Vergleich zu den bändefüllenden Informationen über Männer fand sich erschütternd wenig über Frauen. Und doch: "Ich war wie elektrisiert, so viel über offenbar große und bedeutende Frauen der Vergangenheit zu erfahren, von denen ich bis dahin nichts gewußt hatte."

Eine der wertvollsten Quellen bildete das Schweizer "Lexikon der Frau", zwei je 1700 Seiten starke Bände aus den frühen fünfziger Jahren. Es hatte nur einen Nachteil: Das Lexikon wurde 1953 abgeschlossen und ist inzwischen bestenfalls noch antiquarisch erhältlich. Das vierbändige amerikanische Nachschlagewerk "Notable American Women" wurde ebenso geplündert wie die Namensverzeichnisse historischer Schinken. In diesem Jahr wählte Luise Pusch zum zweitenmal 417 der wiederentdeckten Frauen für einen Taschenkalender aus, "Berühmte Frauen" (Suhrkamp, 12 Mark): jeden Tag einen Namen samt Literaturhinweis, jede Woche ein Kurzporträt.