Die Bestallung zum Reichskommissar lag fünf Jahre zurück. Das Kronjuwel seiner afrikanischen „Verträge“, der im Frühjahr 1890 abgeschlossene Präliminarvertrag mit dem bugandesischen König Mwanga, war nach der Ratifizierung des deutschbritischen Helgoland-Sansibar-Tauschabkommens bloß noch ein Fetzen Papier: Buganda lag nun in der englischen Einflußsphäre – der Traum, das ostafrikanische Schutzgebiet bis nach Zentralafrika auszudehnen, war ausgeträumt.

Die kolonialbegeisterten Kreise schäumten (Deutschland habe „einen Hosenknopf für eine Hose, eine Badewanne für drei Königreiche“ eingetauscht). Alfred Hugenberg, der spätere Krupp-Direktor, Pressezar und deutschnationale Politiker, Geschäftsführer der „Nationalen Vereinigung“, protestierte gegen die Schlappe des Sansibarvertrags; die koloniale Bewegung brauche nun einen Führer, und der richtige Mann sei der Erwerber Deutsch-Ostafrikas, Carl Peters. Gemeinsam gründeten sie den Alldeutschen Verband, einen einflußreichen ideologischen Vorläufer der Nazis.

Das Auswärtige Amt, immer noch ganz auf der Bismarckschen Linie einer gemäßigten, auf den Ausgleich mit England bedachten Kolonialpolitik, versuchte Peters von den Kolonial-Jingos zu isolieren. Ein Kronenorden III. Klasse und die Ernennung zum Reichskommissar mit einem Gehalt von 20 000 Reichsmark versüßten seine Verbitterung. Vor seiner Abreise nach Ostafrika wurde er sogar zur Abendtafel im Neuen Palais geladen. „Der dumme Kerl“ – wie Bismarck Peters gern genannt hatte – schien somit einigermaßen in die kolonialpolitischen Vorstellungen der Regierung Caprivi eingebunden zu sein und war, wie man meinte, auch noch billig zu haben.

Gestiefelt und gespornt empfing ihn der Zivilgouverneur für Deutsch-Ostafrika, Baron von Soden, 1891 in dem Küstenstädtchen Tanga. Peters war dort kein Unbekannter; Graf Pfeil – ein Kumpan aus alten Erwerbungstagen – erinnerte sich an eine Begegnung in Tanga im Vorjahr: Peters habe einen Neger verprügelt, weil dieser sich geweigert hatte, ihm ein „Frauenzimmer“ zu besorgen, und während eines Herrenabends verlangt, daß jeder Weiße ein Lied singe und den Schunkelwalzer tanze. Auf Pfeils Bemerkung, was denn die Neger denken sollten, habe Peters entgegnet, „daß die Viecher überhaupt nicht denken“; auch habe er „fast nicht wiederzugebende geschlechtliche Obszönitäten erzählt“.

Dem Gouverneur muß Übles geschwant haben; er übertrug dem Reichskommissar Peters zwar die Verantwortung für die fruchtbarsten Regionen der Kolonie, untersagte ihm aber jegliche Eingriffe in die Amtsbefugnisse der lokalen Behörden. Peters bezog eine Station in der Nähe des Kilimandscharo. Sie lag auf dem Gebiet des „deutschfreundlichen“ Wachaggachefs Mandara – Kunststück, denn erst zu Jahresbeginn hatte eine deutsche Strafexpedition den Wachagga eingebleut, daß neue Herren ins eigene Haus einzuziehen gedachten. Dem alten Stationsleiter von Eltz trat Peters sofort auf die Zehen; er sei ein Sklave Mandaras und habe sich von diesem kujonieren lassen; jetzt aber werde die Region de facto zu einer deutschen Kolonie gemacht.

Die Lage am Kilimandscharo sei zu diesem Zeitpunkt völlig ruhig gewesen, berichteten später englische Missionare. Eingeborene Häuptlinge schickten dem „Stellvertreter des Kaisers“ Willkommensgrüße, darunter auch einige „Weiber, welche dem Dr. Peters den dortigen Gebräuchen entsprechend zur Bedienung übergeben“ wurden, so der Schutztruppenoffizier Bronsart von Schellendorf. Daß diese Frauen „von Dr. Peters geschlechtlich benutzt wurden, galt auf der Station als selbstverständlich“.

Aber auch des Reichskommissars Personal scheint die Tropen nicht trist gefunden zu haben, was von Soden in einem Bericht nach Berlin so formuliert: „Wie groß der Harem auf der Station war und ob die Käufe und Schenkungen seitens der Eingeborenen immer ganz freiwillig waren, lasse ich dahingestellt; wenn aber jeder Untergebene des Herrn Kommissars denselben Passionen huldigte, so kann man sich die dort herrschende Wirtschaft vorstellen.“