Ärzte haben noch kein Licht in das Dunkel um den Krippentod bringen können

Von Charlotte Kerner

Ein kleines Gesicht lacht manchmal zwischen den Wolken und der Sonne hervor, wenn der sechsjährige René eine Landschaft zeichnet. "Ingo ist im Himmel", erklärt dann seine dreijährige Schwester. An einem Samstagmorgen im November 1986 lag ihr gemeinsamer Bruder Ingo ohne ein Lebenszeichen im Bett. Die Eltern versuchten den Jungen wiederzubeleben, vergeblich. Ingo Poppe war fünfeinhalb Monate alt, als er starb – am "Plötzlichen Säuglingstod".

Der Begriff "Plötzlicher Säuglingstod" benennt nicht die Todesursache, sondern die Todessituation: Ein Kind stirbt plötzlich und unerwartet, typischerweise im ersten Lebensjahr und während der Schlafenszeit. Eine Obduktion deckt keine Ursache auf. Es bleibt ein unerklärbares Ereignis, "ein Tod ohne Krankheit". Seit 1969 gilt international diese Definition des "plötzlichen Kindestodes", der im englischen Sprachraum SIDS heißt: Sudden Infant Death Syndrome. In Europa fallen im ersten Lebensjahr diesem unheimlichen Tod ein bis drei Kinder unter 1000 Neugeborenen zum Opfer, darunter mehr Jungen als Mädchen. Das sind in der Bundesrepublik sechs tote Säuglinge täglich.

Der plötzliche Kindstod ist so alt wie die Menschheit. Schon im Alten Testament ist zu lesen: Da starb der Sohn dieser Frau in der Nacht, denn sie hatte sich auf ihn gelegt." Diese Erklärung hielt sich lange. Noch im Jahre 1291 verbot in Deutschland eine amtliche Bekanntmachung Müttern, mit ihren Kindern unter drei Jahren in einem Bett zu schlafen.

Erst in den fünfziger Jahren setzt sich die Erkenntnis durch, daß beim Plötzlichen Kindstod kein "mechanisches Ersticken von außen" vorliegt. Das Forscherinteresse konzentrierte sich erstmals auf Störungen im kindlichen Organismus. Hierzulande können Ärzte seit 1979 auf der Todesbescheinigung den Begriff "plötzlicher Kindstod" einsetzten. Sie müssen nicht mehr Verdachtsdiagnosen stellen wie "Ersticken im Brechakt", oder Begriffe wählen wie "nicht natürlicher Tod", die polizeiliche Ermittlungen auslösen.

Vorschneller Verdacht