Von Martin Ahrends

Am 17. Januar 1988 wird Stephan Krawczyk auf einer naßgrauen Ostberliner Nebenstraße festgenommen; er ist gerade zweiunddreißig geworden. Unter der Jacke trägt er ein selbstgemaltes Transparent, mit dem er auf der staatlich organisierten Liebknecht-Luxemburg-Demonstration gegen sein Berufsverbot protestieren will. Die Festnahme war vermutlich eine eher klägliche Szene, und nicht nur mit dieser Szene blieb er unter dem Niveau seiner schauspielerischen Fertigkeiten. Er blieb überhaupt, auch mit einigen raschen, politischen Gebrauchstexten und -liedern unter dem Niveau seiner künstlerischen Begabung, nachdem er erst einmal damit begonnen hatte, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen.

Wolfgang Templin folgte ihm ins Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit nach, ein "Diplom-Philosoph", der sein Studium an der Humboldt-Universität mit Auszeichnung abgeschlossen und am Institut für Philosophie an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften an seiner Dissertation über Edmund Husserl gearbeitet hatte. Auch Templin blieb unter seinen einstigen Ansprüchen der Weltveränderung, als er nach einem langwierigen und radikalen geistigen Wandel mit einer kirchlichen Friedensgruppe zu einer schüchternen Fahrraddemo gegen eine neue Autobahn aufbrach. Und auch um das bescheidene Informationsblatt Grenzfall der von ihm mitbegründeten "Initiative für Frieden und Menschenrechte" herauszugeben, hätte er nicht so lange und so eifrig studieren müssen. Geschweige denn für seinen Job als Heizer in Kirchen, mit dem er sich nach seinem Rausschmiß aus dem wohlbestallten Posten an der Akademie seinen Lebensunterhalt verdiente.

Freya Klier, eine Woche nach Krawczyk ins Untersuchungsgefängnis eingeliefert, hat auch bessere Inszenierungen zustande gebracht als jene Farcen, die sie zusammen mit Stephan Krawczyk nach ihrem Berufsverbot in überfüllten Kirchen aufführte. Und wenn ihr bei den Autojagden, die sie sich mit den Ladas der Staatssicherheit lieferte, das Herz bis zum Hals schlug, wird ihr die Erinnerung an Brechtsche Verfremdungstechniken wenig genützt haben.

Der Philosoph, der Liedermacher, die Regisseurin, sie blieben professionell unter ihrem Niveau, weil sie sich mehr oder weniger freiwillig in einen Steinbruch begaben. Weil sie Hammer und Meißel zur Hand nahmen, um an einem unschönen grauen Sediment von gesellschaftlichen Tabus zu arbeiten. Was dabei herauskam, das konnten zunächst einmal nur grobe Brocken sein.

Als sich die drei – vor allem ihrer Kinder wegen – in der Haft für eine Ausreise in die Bundesrepublik entschieden hatten, rissen sich die Medien um die "DDR-Intellektuellen" mit dem eigenartig proletarischen Image, das schnell zu mitleidigen oder höhnischen Pointen inspirierte. "Nimm ihn zurück, Erich!" rezensierte die taz Krawczyks erstes Westkonzert. "Osti go home", hieß es bei TEMPO; und das ZEIT-Magazin zog nach und amüsierte sich über die "Hippies von drüben".

Aber Stephan Krawczyk ist hart im Nehmen. Seine erste West-Tournee war, wie er sagt, eine unschöne, aber lehrreiche Erfahrung. DDR-Themen seien nicht gefragt, weil die DDR als ein langweiliges Land gelte. Politik interessiere kaum, da die politischen Themen von den Medien totgeritten würden und kein publizistischer Nachholbedarf wie in der DDR bestünde: "Das, was ich in der DDR gesungen hab, ist ja nur wegen dieses Oppositionsgehabes so wichtig geworden; die Leute mußten auch was riskieren, um da hin zu gehen. Drüben in den Diskussionen gab es immer dieselben Fragen und dieselben Antworten; wir haben dort etwas ähnliches gemacht wie das Neue Deutschland, bloß spiegelverkehrt."