Dem Durchschnittsamerikaner geht es heute nicht besser als vor fünfzehn Jahren

Von Peter Christ

Haben wir nicht jahrelang voller Neid auf die Amerikaner geschaut? Fühlten wir uns nicht wie die armen Verwandten, wenn sie mehr Jobs schufen als die restliche industrialisierte Welt zusammen, wenn ihre Wirtschaft in atemberaubendem Tempo wuchs, während auf dem alten Kontinent die Eurosklerose der Industrie die Kraft nahm? Mußten nicht gerade die Deutschen sich vom großen Bruder ermahnen lassen, es ihm doch endlich gleichzutun und für mehr wirtschaftliche Dynamik zu sorgen?

Scheinbar hatten die Vereinigten Staaten einfach den besseren Mann an der Macht. Von Zweifeln unbelastet, hielt er sich an seine wirtschaftspolitische Rezeptur, senkte die Steuern und die Zinsen, brachte die Wirtschaft auf Touren und Millionen Arbeitslose in Lohn und Brot. Selbstbewußt trat er 1984 vor seine Wähler und fragte: "Geht’s euch heute besser als 1980?" Es ging ihnen besser, meinten die Amerikaner und wählten Ronald Reagan ein zweites Mal. Kein Zweifel, hätte die Verfassung eine dritte Kandidatur erlaubt, Reagan wäre im vergangenen November wiedergewählt worden und müßte nächste Woche nicht aus dem Amt scheiden.

So mußten sich seine Landsleute mit George Bush begnügen, der auch die Wähler gefragt hat: "Geht’s euch besser?" Sein künftiger Vize Dan Quayle hat im Wahlkampf (da, wo er auftreten durfte) gar behauptet: "Wir werden von der Welt beneidet, Amerika ist die Nummer eins." Die Amerikaner wählten George Bush, weil sie hoffen, er werde die schöne Reagan-Zeit ein wenig verlängern.

Zunächst eine grandiose Bilanz

Aber warum wollen die Amerikaner, daß es so weitergeht wie bisher? Hat ihnen der alte Herr im Weißen Haus tatsächlich so tolle Jahre beschert, wie er behauptet und die Mehrheit glaubt? Oder ist es nur so, wie der Wirtschaftsberater Robert D. Hamrin meint, daß nämlich die Wahrnehmung über die Realität triumphiert hat?