Von Gerhard Spörl

Bonn, im Januar

Sein Büro liegt hoch oben im 27. Stock des Abgeordnetenhochhauses, und eigentlich, so meint er leicht gequält, habe er ja Anspruch auf zwei Räume. Umsichtig lotst er den Besucher auf einen Stuhl direkt neben dem Fahnenständer mit der bayerischen, der bundesdeutschen und der Nato-Flagge. Die Wand dahinter ist gespickt mit Erinnerungsphotos: Visite bei Soldaten, Besuch bei der Truppe, Flugzeuge im Formationsflug. Das Repräsentative kommt allerdings nicht an gegen die Papierflut, mit der sich ein Politiker herumschlagen muß, der sich der Bundeswehr annimmt: in allen Zimmerecken Stapel von Akten, Büchern und Unterlagen. Alfred Biehle findet es peinlich.

Richtig befreiend ist der Blick aus dem Fenster hinunter aufs bunt beleuchtete Bonn. Es ist Montag abend, und gleich läuft im Fernsehen ein fiktiver Film über "Eine Bonner Affaire". Im echten Bonn könnte sich ein solches Ereignis beispielsweise im Verteidigungsministerium abspielen. Der Bundestag würde umgehend einen Untersuchungsausschuß einsetzen. Und Alfred Biehle müßte ihm – wie gehabt – vorstehen: bestens vorbereitet und empörungsfähig, mit steifer Würde und in seiner säuselnden fränkischen Mundart, die Konsonanten konsequent mißachtet.

Die Bundeswehr ist seine Passion, und als Vorsitzender des Verteidigungsausschusses hat er sich in Bonn Achtung erworben. Seine Sternstunde kam in der Wörner/Kießling-Affäre. Die Wahrheitsfindung war nicht aufzuhalten. Dennoch fiel angenehm auf, daß sich der Vorsitzende, als CSU-Mann zumal, lebhaft an der Aufklärung beteiligte und die Fortschritte im Erkenntnisprozeß drastisch kommentierte ("Wir haben heute den Übergang vom Morast in den abgrundtiefen Sumpf erlebt"). Er hatte den Auftrag, dem er nachkommen sollte, überaus ernstgenommen. Biehle ließ sich auch nicht davon beirren, daß Manfred Wörner zu seinen Duzfreunden zählt. Wenn er dabei seine eigenen Interessen im Auge behielt, so verfolgte er sie zumindest illusionslos. Die Vermutung hat einiges für sich, daß Biehle auch Kohls erste Wahl als Wörner-Nachfolger war. "Die Hardthöhe gehört aber zur Zeit nicht zur Domäne der CSU", schwächt Biehle lachend ab, ohne dem Gerücht zu widersprechen.

Derzeit kümmert sich der Ausschuß um die Katastrophe von Ramstein. Er muß herausfinden, wer wann wie überhaupt Flugtage genehmigt. Die Nachforschung führt tief hinein in eine Grauzone, in der deutsches Recht und alliierte Prärogative absichtlich ungeklärt geblieben waren, damit daraus nicht unvermeidlich eine Debatte über die Souveränität der Bundesrepublik entstand. Aber mehr als dieses Politikum erschwert das Ereignis selbst die juristische Bewältigung. Haften geblieben sind deshalb vor allem die Anmerkungen, die Biehle, versehen mit neuer Autorität, erst über die Hardthöhe im allgemeinen und dann über den Verteidigungsminister im besonderen gemacht hat. Sie fielen ihm umso leichter, als er zu Rupert Scholz von Anfang an gehörigen Abstand gehalten hatte.

In der letzten Woche machte Biehle aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr und sagte einiges Naheliegende, wann immer sich der Minister wortreich im Kreis drehte. Wer ihn deshalb schon für Scholz’ Gegenspieler hält, tut ihm jedoch zuviel Ehre an. Er kennt ganz einfach aus eigener Erfahrung all das, worüber der Verteidigungsminister nur redet. Er verkörpert, was der Mann auf der Hardthöhe nicht ist und auch nicht sein will. Der Gegensatz zwischen den beiden fällt jedem auf. Kein Wunder, daß man Biehle jetzt gern als Zeugen benutzt und ihn zu einer Art Sachverständigen gegen den Minister macht.