Von Rudolf Gerhardt

Er lag krank im Bett, keine ernsthafte Sache, aber auch nichts gänzlich Harmloses, eine jener Krankheiten, die unserer Umgebung mehr zu schaffen machen als uns selber. Der Arzt kam, in unaufdringliche Zuversicht gehüllt; selbst im grauen Straßenanzug sah man ihm den weißen Kittel an. Unter seinem forschenden Blick ordneten sich die Symptome in Reih und Glied, nahmen Haltung an, stellten sich zur Diagnose. Der Kranke erfuhr, was ihm fehlte, beobachtete, wie der Arzt mit breiter Feder ein Rezept ausschrieb, beruhigte sich bei dem Gedanken, daß die Hersteller von Arzneimitteln auch seinen Fall im Blick hatten.

Kaum war der Arzt gegangen, seine Verhaltensmaßregeln wie einen Kondensstreifen hinter sich zurücklassend, da entspannte er sich auf der Matratze. Er umgab sich mit dem Geruch von Pfefferminztee, stapelte Illustrierte auf dem Nachttisch und schluckte nach der Uhr seine Medizin, die so bitter war, daß sie einfach helfen mußte. Bisweilen genehmigte er sich auch einen Schlager im Radio. Er war Patient, durchdrungen von dem gesunden Gefühl, fürs erste einmal krank zu sein.

Dann klingelte das Telephon. Ein Freund hatte, woher auch immer, von der Erkrankung Wind bekommen. "Was machst du denn für Sachen?" fragte er. Er stellte das Radio leise und erklärte, wo es ihm fehlte. "... titis", wiederholte der Anrufer mit sorgfältiger Betonung, und man spürte förmlich, wie er die Stirn runzelte. Er hatte bisher gar nicht gewußt, wie fließend dieser Freund Fremdsprachen beherrschte. Es ist nichts weiter, erklärte er dann aus seinem Kopfkissen heraus, eine dumme Sache, aber völlig harmlos. Ein paar Tage Bettruhe, dann werde es schon wieder gehen. Der Freund, der bisher zugehört hatte, schwieg eine Weile und räusperte sich dann. "Das klingt aber gar nicht gut", sagte er. Er wurde hellhörig. Warum? "Hm ..., weißt du denn nicht, was das für Folgen haben kann? So etwas ist keinesfalls harmlos, vor allem nicht bei Erwachsenen."

Er nahm im Bett Haltung an, sein Gemüt begann sich zu bewölken. "Könntest du vielleicht ein bißchen deutlicher werden?" fragte er zaghaft. "Man hört da so allerlei", sagte der Anrufer geheimnisvoll. "Ich kannte jemanden, der hatte hinterher ...", und dann, taktvoll: "Naja, vielleicht soll man dir das Herz nicht schwermachen. Kopf hoch, alter Junge, und gute Besserung."

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, wollten ihm die Illustrierten nicht mehr so recht schmecken. Auch die Musik aus dem Radio wurde jetzt eher als störend empfunden. Er stülpte sich nach innen und klopfte sich nach neuen Symptomen ab. Die Angst diente ihm als Hörrohr. Schon vernahm er das Blut verdächtig in den Ohren, der Herzschlag schien aus dem Gleichgewicht geraten, und von links, wenn er nur genau genug darauf achtete, zogen neue Schmerzen heran.

Kaum hatte er das Thermometer angesetzt, rief ein anderer Freund an. "Du bist krank?" fragte er streng. "Jawohl", sagte er, und es klang jetzt beinahe schon leidend. "Was fehlt dir?" Er erklärte es ihm, nachdem er es nun wußte, auf lateinisch. Lateinisch klingt jede Krankheit gleich viel abstrakter, fast, als würde sie gar nicht zu uns gehören. "Hast du Schmerzen?" wollte der Freund wissen. "Na, es geht", sagte er matt. "Wird noch schlimmer werden", sagte der andere gebieterisch. "So etwas tut eben weh. Muß man durchstehen." "Aber der Arzt meint, daß es meist harmlos verläuft", wandte er ein. "Ach, Ärzte", sagte die Stimme am Telephon mit der ganzen Überheblichkeit des Gesunden, "die ertragen die Leiden ihrer Patienten immer mit großer Geduld." "Was soll ich denn tun?" fragte er hilflos. "Kannst du gar nichts machen", sagte der Anrufer. "Was kommt, kommt. Mach heiße Umschläge, bleib unbedingt im Bett und, naja, man muß ja nicht immer gleich mit dem Allerschlimmsten rechnen."