Auch in Kur- und Erholungsgebieten stoßen die militärischen Tiefflüge zunehmend auf massive Kritik. Kurdirektoren nennen den Fluglärm existenzbedrohend.

Zwei Seelen wohnen in seiner Brust, doch diesmal siegte der Tourismus- über den Verteidigungspolitiker: Olaf Feldmann, FDP-Verteidigungsexperte und zugleich Vorsitzender des Fremdenverkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, zog gegen die militärischen Tiefflüge zu Felde. "Ausgesprochen reizvolle deutsche Urlaubsregionen", so warnte der frühere Geschäftsführer des badenwürttembergischen Hotel- und Gaststättenverbandes, "drohen durch Fluglärm ihre Attraktivität als Ferienziele zu verlieren."

Entsprechende Klagen aus der deutschen Provinz waren den Bonner Tourismuspolitikern – die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Rolle als "Lobbyisten der Umwelt" zu betonen pflegen – in letzter Zeit immer häufiger zu Ohren gekommen. In der ersten Protestreihe der Lärmgeschädigten marschiert der Deutsche Bäderverband (DBV), der bereits seine Absicht angekündigt hat, im Bonner Verteidigungsministerium sowie im Kölner Luftwaffenamt vorstellig zu werden. In mindestens 80 bis 100 deutschen Kurorten, so schätzt DBV-Pressesprecher Hans O. Berg, torpediere der Fluglärm den Kurerfolg "von Kranken und Schwerstkranken".

Der wachsende Zorn in deutschen Ferienlanden und Kurregionen zeigte in Bonn Wirkung. In der jüngsten Sitzung des Fremdenverkehrsausschusses stand das Thema "Lärmlast der Tiefflüge" ganz oben auf der Tagesordnung. Ergebnis der Diskussion war ein Papier der Fremdenverkehrsobleute von CDU/CSU, SPD und FDP, das an den Verteidigungsunterausschuß "Militärischer Fluglärm/Truppenübungsplätze" überwiesen wurde. Darin verlangen die Tourismuspolitiker aus dem Regierungs- und dem Oppositionslager unisono, Kurorte und Heilbäder zu Tiefflug-Sperrzonen zu erklären; die Mindestflughöhe über diesen Orten soll auf tausend Meter festgelegt werden – die gleiche Höhe, die zum Schutz der bedrohten Tierwelt schon über dem Naturpark Wattenmeer in der Deutschen Bucht gilt.

In dem auf Anregung des ostfriesischen SPD-Abgeordneten Carl Ewen formulierten Papier wird das Verteidigungsministerium aufgefordert, bei seinen Bemühungen um die Reduzierung der Fluglärmbelästigung "der Gefährdung der wirtschaftlichen Grundlage in den deutschen Fremdenverkehrsgebieten besonders Rechnung zu tragen". Denn wenn Kur- und Feriengäste in den landschaftlich attraktiven, aber fast immer auch besonders strukturschwachen Fremdenverkehrsregionen durch die Tiefflieger verprellt werden, gehe dies wirtschafts- und strukturpolitisch ans Eingemachte. Olaf Feldmann: "Die vielfältigen Bemühungen, durch Fremdenverkehrsförderung neue krisensichere Arbeitsplätze zu schaffen, werden durch das hohe Ausmaß der Fluglärmbelästigung konterkariert."

Beim Deutschen Bäderverband hört man solch forsche Töne mit sehr gemischten Gefühlen. Die Heilbäder-Lobbyisten wissen, daß die ohnehin mäßigen Erfolgsaussichten ihres Protests (Hans O. Berg: "Set Jahren hören wir nur Absichtserklärungen") auf den Nullpunkt sinken, wenn ihre Kurorte mit den "gewöhnlichen" Fremdenverkehrsgebieten in einen Topf geworfen werden.

Schon allein die Kurorte und Heilbäder seien "zu flächendeckend über das Land verteilt", als daß man sie generell "vom militärischen Flugbetrieb" aussparen könne, hatte Umwelt-Staatssekretär Clemens Stroetmann ("Ich weiß von der großen Sorge der Kurorte... Ich teile diese Sorge...") beim Deutschen Bädertag Anfang Oktober die Hoffnung der Ruhesuchenden gedämpft. Ganz zu schweigen von den staatlich anerkannten Luftkurorten und sonstigen Fremdenverkehrsorten; dort überall und generell ein Tiefflugverbot zu fordern, sei "weltfremd".