ZEIT: Verkehrsminister Jürgen Warnke will der Bundesbahn von 1991 an 12,6 Milliarden Mark kriegsbedingter Altschulden abnehmen und außerdem einen Zuschuß zu den laufenden Kosten des Schienennetzes leisten. Bedeutet das die Sanierung der chronisch defizitären Bahn?

Gohlke: Nein, das bedeutet nicht die Sanierung der Bahn, aber das sind sehr wichtige strategische Entscheidungen, auf die wir seit Jahren warten. Wir haben zum ersten Mal erreicht, daß der Bund sich bereit erklärt, über die tatsächlichen Wegekosten mit uns zu reden. Anders als der Lkw auf der Straße sorgen wir für unsere Verkehrswege selbst, das ist einer der Gründe für unsere hohen Verluste. Natürlich ist es noch ein langer Weg bis zu einer klaren Abmachung mit dem Bund darüber, wie hoch die von uns zu tragenden Wegekosten sind.

ZEIT: Aber der Bund zahlte doch schon bisher nicht nur alle Zinsen auf die kriegsbedingten Altschulden, sondern außerdem einen dicken Zuschuß zu Ihren Fahrwegkosten – im Jahr 1987 beispielsweise zwei Drittel von insgesamt 8,3 Milliarden Mark. Wo ist denn da nun der positive Effekt auf die Ertragsrechnung der Bundesbahn?

Gohlke: Die Gewinn- und Verlustrechnung wird kurzfristig durch diese Entscheidung überhaupt nicht beeinflußt. Aber: Wir müssen mittelfristig und langfristig die Bahn wettbewerbsfähig machen. Dazu ist es notwendig, daß die Verantwortlichkeiten klar sind, und da kann man nicht einfach sagen, der Bund zahlt was. Der Bund zahlt seit 1982 einen konstanten Betrag an die Bahn, der wegen der Inflation real immer kleiner wird. Wichtig für die Zukunft ist, daß man sich einig wird, wo unsere Verantwortlichkeit liegt, zum Beispiel im Nahverkehr. Dieser wird nie kostendeckend sein, trotzdem ist der Nahverkehr aus gemeinwirtschaftlichen Gründen unverzichtbar. Wenn die Bahn dann fährt, darf ihr allerdings nicht der Gesamtaufwand für die Infrastruktur aufgebürdet werden, sondern nur der Teil, den sie aus unternehmerischen Gründen zu verantworten hat.

ZEIT: Eine unabhängige Kommission soll bis 1990 untersuchen, wieviel Geld der Bund künftig zu den Fahrwegkosten der Bahn beisteuern muß. Was sind die Hauptaufgaben?

Gohlke: Es geht erstens darum, die Rolle zu definieren, welche die Bundesbahn im künftigen europäischen Verkehrsmarkt zu spielen hat. Zweitens: Welche Leistungsbereiche sollen wettbewerbsfähig sein, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man kann heute nicht Kanäle und Straßen bauen und damit rechnen, daß die Kiste zweimal transportiert wird.

ZEIT: Sie meinten früher, daß der Bund den gesamten Schienenweg übernehmen sollte, wobei die Bahn für die Benutzung des Schienenweges nur leistungsabhängige Gebühren zu entrichten hätte. Ist diese Idee völlig vom Tisch?

Gohlke: Der Meinung bin ich heute noch, und das ist eine Sache, die die Kommission untersuchen muß. Ich behaupte, wir können nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn wir gleiche Wettbewerbsbedingungen haben. Wenn ich einen Lkw nehme, den ich zeitweise nicht brauche, dann kann ich den abmelden für ein paar Mark Gebühren. Wenn bei der Bahn die Nachfrage zurückgeht, bleiben die Infrastrukturkosten in voller Höhe, und damit bin ich nicht wettbewerbsfähig. üth