Von Claus Leggewie

GÖTTINGEN. – Manche Ausländer bewundern die französische Fähigkeit, historische Niederlagen und Debakel aus dem öffentlichen Gedächtnis auszuklammern und sie damit (scheinbar) unbeschadet und gegenwartsfest zu überstehen. Seit den Religionskriegen üben Frankreichs Herrscher und Volk eine "Politik des Vergessens": Erinnerungen und Wahrheiten, die den unversöhnlichen ideologischen Gegensatz wieder schüren könnten, müssen verschwiegen werden. Über den Gräbern der bedauernswerten Opfer wächst das Gras. "Alle Politik baut auf dem Vergessen auf", konstatiert kühl der Philosoph Jean-François Lyotard.

Ein Meister dieses "diskreten Beschweigens" der Vergangenheit war Charles de Gaulle. 1944/45 "versöhnte er Collaboration und Résistance. 1962 "schloß" er, nach acht Jahren eines blutigen und grausamen Kolonialkrieges, das von Beginn an mit Greueln und Völkermord belastete Kapitel der "Algérie française". Kaum schwiegen die Waffen in Paris und Algier (und die Plastikbomben der OAS-Terroristen), ließ er alle Algerien-Verbrechen amnestieren, darunter wüste Auswüchse staatlichen Terrors (wie eine von oberster Stelle inszenierte Flugzeugentführung) und die systematische Folter von mehreren hunderttausend Algeriern.

Auch was an anderen kolonialen Schauplätzen geschah, von Madagaskar bis Indochina, bleibt bis heute unter einer schweren Decke aus nationaler Identitätssicherung und politischer Opportunität – viele Täter sitzen auf hohen Posten und sollen unbehelligt alt werden. Das offizielle Tabu ersparte den glücklich heimgekehrten Kombattanten (an der algerischen "Front" standen damals insgesamt etwa 2,5 Millionen Einberufene, die heute um die 45 bis 50 Jahre alt sind) die unbequeme Frage: "Papa, was hast du damals gemacht in Algerien?" Denn auch die Geschichtsbücher stören nicht den Zustand kollektiver Erinnerungslosigkeit.

Doch was geschieht, wenn sich Historiker, professionelle "Vergangenheitsschnüffler" also, an ein unbequemes Geschichtskapitel machen? Nicht viel. Ende des vergangenen Jahres fand in Paris ein wissenschaftliches Kolloquium über den "Algerien-Krieg und die Franzosen" statt; das Pariser "Institut für Gegenwartsgeschichte" hatte rund einhundert Fachleute und hochkarätige "Zeitzeugen" eingeladen. Doch eine breite öffentliche Resonanz war weder erwünscht, noch kam es dazu. Ein "Historikerstreit" über brisante Themen der jüngsten Vergangenheit findet in Frankreich nicht statt.

Geschrieben wird die Geschichte des Algerien-Krieges in Paris ohne allzu starke Selbstzweifel. Westdeutsche "Gaullisten" wie Franz Josef Strauß oder Alfred Dregger haben dieses Verfahren immer wieder auch den Deutschen empfohlen – sie sollten "endlich aus dem Schatten Hitlers heraustreten" und die "eigenen Helden" betrauern oder feiern. Davor, daß aus Amnestie nicht Amnesie werde, warnen indessen auch einige Franzosen. Die Zeitschrift "Le genre humain" rekonstruierte jüngst noch einmal das allseits verschwiegene und ungesühnte Pogrom der Pariser Polizei an friedlichen algerischen Demonstranten vom Oktober 1961 – die Seine war damals rot vom Blut der geschundenen Körper, die man wie Tierkadaver in den Fluß geworfen hatte. Und Alfred Grosser erinnert in seinem neuesten Buch an den Preis, den eine "Politik des Vergessens" haben kann.

Die Fünfte Republik, von de Gaulle bis Mitterrand, baute personell und institutionell auf dem moralischen Desaster des Algerien-Krieges auf. Ihre politischen Institutionen von damals, die willfährige Justiz genau wie die willkürlich schaltenden Ordnungskräfte von Armee, Polizei und Geheimdienst, funktionieren reibungslos fort – gelegentlich mit dem in Afrika und Asien "bewährten" Zynismus, wie die Greenpeace-Affäre oder die französische Politik in Neukaledonien, dem "Algerien der achtziger Jahre" belegen.