Die Kursentwicklung des Dollars ist mit ökonomischen Argumenten nicht mehr zu erklären

Wenn Wirtschaftspolitiker und Währungsexperten derzeit über den Dollar reden, fällt unweigerlich ein ganz bestimmter Satz:. "Eigentlich sollte der Dollarkurs fallen." Dummerweise tut er das nicht. Im Gegenteil, er steigt kräftig, besonders gegenüber der Mark. Da mag Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg noch so oft betonen, daß er einen Wechselkurs von 1,80 Mark für angemessen halte und Bundesbank-Vize Helmut Schlesinger noch so sehr für eine feste Deutsche Mark werben – vergeblich. Angebot und Nachfrage am Devisenmarkt sprechen eine andere Sprache, dort steigt der Preis des Dollars.

Keine Frage, Wunsch und Wirklichkeit klaffen beim Dollarkurs auseinander. Die ökonomischen Argumente für einen niedrigeren oder wenigstens gegen einen steigenden Wechselkurs der amerikanischen Währung überzeugen: Nach wie vor sind die Ungleichgewichte im Außenhandel der Industrieländer groß. Zwar haben die Amerikaner das Handelsdefizit verringert, aber immer noch gelangen viel mehr Güter und Dienstleistungen ins Land als von dort exportiert werden. Und: Noch nie hat die deutsche Wirtschaft soviel exportiert wie jetzt, der Überschuß im deutschen Außenhandel steigt und steigt.

Wie, so fragen die Ökonomen, könnte das korrigiert werden, wenn nicht durch einen fallenden Wechselkurs des Dollars beziehungsweise durch einen steigenden Wechselkurs der Mark? Nur so werden amerikanische Exporte gefördert und deutsche gebremst. Doch das ist offensichtlich graue Theorie. Ehrliche Ökonomen müßten es wohl eingestehen: Mit wirtschaftlichen Argumenten und traditionellen Modellen, die Wechselkurse aus Grunddaten wie zum Beispiel dem Außenhandel, dem Zinsniveau oder der Kaufkraft ableiten, kann die Entwicklung des Dollars derzeit nicht erklärt werden.

Prognosen über den Wechselkurs der amerikanischen Währung muten denn auch eher wie Lesen aus dem Kaffeesatz an. Anfang des Jahres veröffentlichte das Wall Street Journal eine Übersicht der Dollar-Prognosen der prominentesten Wirtschaftsexperten des Landes. Ergebnis: Ende des Jahres könnte der Wechselkurs des Dollars zwischen 1,40 Mark und 2,10 Mark liegen. Wer kann damit wohl etwas anfangen? Mit anderen Worten: Wechselkursänderungen werden jetzt zum größten Teil von unsicheren und ökonomisch wenig fundierten Erwartungen bestimmt. Die Akteure an den Devisenmärkten spekulieren über die künftige Wirtschaftspolitik in den Industrieländern und handeln danach. Doch solche Mutmaßungen können allzuleicht falsch sein. Kein Devisenhändler, kein Währungsspekulant weiß, welchen Kurs die neue amerikanische Regierung nehmen, wie sie etwa auf die wachsenden Überschüsse im deutschen Außenhandel reagieren wird. Droht eine neue Konfrontation, oder wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Industrieländer enger?

Das zeigt, wie wichtig es ist, daß die Finanzminister und Notenbankchefs dieser Staaten wieder an einen Tisch kommen. Bei dem für Ende Januar, Anfang Februar vorgesehenen Treffen müssen die Politiker der sieben größten Industrienationen Klarheit über ihren wirtschaftspolitischen Kurs schaffen. Nur so kann der Spekulation der Wind aus den Segeln genommen und der Ökonomie zu ihrem Recht verholfen werden.

Bernhard Blohm