In der Bilanzpressekonferenz, die der größte deutsche Elektrokonzern Siemens am Donnerstag kommender Woche abhält, wird sich der Vorstandsvorsitzende Karlheinz Kaske nicht darauf beschränken können, die Geschäftszahlen des Jahres 1988 darzustellen. Kaske bereitet sich auch auf die Frage vor, ob das Münchner Unternehmen mit seinem spektakulären Versuch, gemeinsam mit der britischen General Electric Company (GEC) das englische Telekommunikations-Unternehmen Plessey zu übernehmen, nicht ungewollt mächtige amerikanische Konkurrenz auf die heimischen Märkte in Europa gelockt habe.

US-Elektrogigant General Electric nämlich, der der weltweit wichtigste Siemens-Konkurrent ist und der angeblich von Plessey gebeten worden war, die unfreundliche Übernahme durch das Gespann GEC/Siemens abzuwenden, hat nun beschlossen, gemeinsam mit dem britischen Siemens-Partner GEC auf vier Geschäftsgebieten in Europa Joint-ventures zu bilden: bei Haushaltsgeräten, Kraftwerkstechnik, Medizintechnik und elektrischen Schaltungen.

Der Münchner Konzern sieht diesen Versuch der US-Konkurrenten, mit britischer Hilfe auf Siemens-Kerngebieten in Europa stärker Fuß zu fassen, nicht im Zusammenhang mit der Schlacht um Plessey und spielt den Fall herunter. "Wir sehen das relativ gelassen", meint ein Siemens-Sprecher, der allerdings hinzufügt: "Das wird die Landschaft natürlich verändern."

Die Form bleibt gewahrt. Helmut Lohr, seit zwölf Jahren Vorstandsvorsitzender des Stuttgarter Telephon- und Elektrounternehmens SEL, wird nicht gefeuert, sondern in die Zentrale des französischen Mutterkonzerns Alcatel "befördert". Der Alcatel-Chef Pierre Suard reagierte damit rasch und diplomatisch auf eine Situation, in der Lohr nicht länger an der Spitze von SEL zu halten war.

Lohrs Lage war seit Dezember vergangenen Jahres besonders prekär. Kurz vor Weihnachten hatte die Staatsanwaltschaft Büroräume und die Privatvilla des SEL-Chefs durchsuchen lassen, gegen den sie wegen Verdachts der Untreue zum Nachteil der SEL und zudem wegen privater Steuerhinterziehung ermittelt (ZEIT Nr. 1/89). Schon zuvor war Lohr im Unternehmen stark umstritten. Er hatte es vor gut einem Jahr nicht geschafft, den Verkauf der SEL-Sparte Unterhaltungselektronik an den finnischen Nokia-Konzern glatt über die Bühne zu bringen. Außerdem war sein Verhältnis zum Betriebsrat, den meisten Mitgliedern des Aufsichtsrats und Vorstands gespannt.

Bei Alcatel wird Lohr vom 1. Februar an den wohlklingenden Titel eines Senior Vice President tragen und für Corporate Development (Unternehmensentwicklung) zuständig sein. Als Nachfolger Lohrs bei SEL werden derzeit vor allem zwei Manager gehandelt: Gerhard Zeidler, der schon länger im Vorstand für fünf wichtige Unternehmensbereiche zuständig ist, und Hans-Ulrich Schroeder, derzeit noch Chef der Schwäbischen Hüttenwerke in Aalen. Alcatel will die SEL-Tochter auch mehr als bisher an die kurze Leine nehmen. Gerechnet wird deshalb mit einer deutlichen Verkleinerung des Vorstands. Abschiedskandidaten sind Reinhold Knoll (Finanzierung und Steuern), Dietrich Solaro (Controlling) und Hans-Joachim von Ludwig (internationale Beziehungen).

Für den französischen Elektronik-Konzern Thomson war Manfred Schmidt als Generaldirektor der Deutschen Electronic Gruppe und Chef von Telefunken oberster Repräsentant der Fernsehgerätemarken Telefunken, Saba und Nordmeide. Jetzt hat sich der 45jährige zur aufstrebenden finnischen Konkurrenz abgesetzt. Dem Nokia-Mischkonzern, der sich erst in den achtziger Jahren durch spektakuläre Aufkäufe zum drittgrößten TV-Gerätehersteller Europas mauserte, dient Schmidt nun in Genf als Leiter der Produktionsgruppe Unterhaltungselektronik. Schmidts große Aufgabe: Er muß aus den zusammengekauften Werken und Marken in Finnland, Schweden, Frankreich und der Bundesrepublik erst noch eine schlagkräftige Einheit machen, die den großen Konkurrenten Philips und Thomson Paroli bieten kann. Auch Überkapazitäten wird der frischgebackene Nokia-Manager abzubauen haben.