Wirtschaftskrise, Wehrdienstdebatte und Truppenreduzierung verschärfen die Differenzen

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Januar

Michail Gobatschows Feldzug gegen die Feindbilder hat nicht nur die Nato in Verlegenheit gestürzt. Auch viele sowjetische Militärs sehen Verteidigungsauftrag und materielle Zukunft bedroht. In dem seit Zarenzeiten von der Armee zusammengehaltenen, aber nie von ihr regierten Riesenreich hat es so etwas nur einmal gegeben: als Chruschtschow Ende der fünfziger Jahre die Truppe um 1,2 Millionen Soldaten reduzierte. Das Schicksal der 250 000 Offiziere, die damals nur mühevoll oder gar nicht in zivilen Berufen unterkamen und ihren früheren Lebensstandard nicht halten konnten, ist zum höchst aktuellen Gesprächsthema der höheren Ränge geworden.

Die Militärs der alten Schule fühlen sich im eigenen Lande eingekreist: von den Abrüstungsexperten und Diplomaten, die Gorbatschows Reduzierungs-Ankündigungen nun von den Vereinten Nationen in Konferenzsäle, Sandkästen und Kasernen übertragen; von aufbegehrenden Nationen und wehrunwilligen Jugendlichen; von Konsumenten und Intellektuellen.

Emanzipation und Emotionen in den Republiks-Parlamenten lassen die Abgeordneten unter dem Druck ihrer Nationen – die in der Armee vor allem das Instrument russischer Vorherrschaft sehen – für verringerte Militärausgaben plädieren. Ärzte in Riga, die Mitglieder der lettischen Volksfront sind, so klagt die Armeezeitung Roter Stern, schreiben wehrunwillige Jugendliche für den Armeedienst jetzt einfach nicht mehr tauglich. Das meuternde Heer der immer schlechter versorgten Verbraucher verlangt Konsumgüter aus den Waffenschmieden. Selbst Gorbatschows konservativer Gegenspieler Jegor Ligatschow, Ende September zum landwirtschaftlichen Oberaufseher degradiert, besuchte jüngst Maschinenbau-Ministerien des Rüstungssektors und verdonnerte sie, planmäßig und pünktlich Ausrüstungen für den agro-industriellen Bereich zu liefern.

Während die politische Führung darauf drängt, Frieden zu schaffen mit immer weniger Waffen, verlangen Wissenschaftler und Intellektuelle inzwischen, die Armee solle die Perestrojka notfalls mit der Waffe in der Hand verteidigen. Welchem Stimmungswandel und -druck die militärische Führung ausgesetzt ist, hat eine Diskussion deutlich gemacht, die Offiziere aus der Politischen Hauptverwaltung der Armee vor einiger Zeit mit Historikern und Publizisten führten. Eingeladen hatte dazu die Zeitschrift Das 20. Jahrhundert und der Fieden. Die führenden Militärs haben sich inzwischen von hoher Warte aus beklagt, daß in "sogenannten Rundtisch-Gesprächen manche Leute klären wollen, auf wessen Seite die Armee steht, wenn die Perestrojka an Tempo gewinnt". Ein Auszug aus dem in der Tat bisher beispiellosen Streitgespräch: