Von Rob Kieffer

Als sie noch ein Kind war, wollte Michele Maubeuge sich von ihrem Taschengeld eine kleine Gallé-Vase für ihr Puppenhaus kaufen. Dafür hätte es beinahe eine Ohrfeige gesetzt. "Daß du deine ersparten Francs ja nicht für solch wertlosen Kitsch ausgibst", sagten ihre Eltern. Heute führt die Kunsthistorikerin und Jugendstilexpertin im Auftrag des städtischen Verkehrsamtes Touristen zu Vasen, Lampen, Keramiken und Möbeln von Emile Galle, dem Begründer von Nancys Art-nouveau-Stil. Im Jahre 1901 hatte der Glasbläser die legendäre "École de Nancy" ins Leben gerufen, eine lose Künstlervereinigung, in der Handwerker, Dekorateure und Architekten einer von Natur und Poesie beeinflußten Ästhetik huldigten.

Während Galle vor allem durch Lampenschirme mit Intarsienschmuck und Vasen mit raffinierten Farbeffekten zum Hätscheldesigner von Adel und Bourgeoisie wurde, kreierte sein Tischler-Kollege Louis Majorelle Möbel mit Marketerieverzierungen, die aus exotischen Hölzern geschreinert wurden. Auch andere lothringische Kunsthandwerker predigten den Naturalismus, schwelgten in floralen Dekorationen, schwungvollen Linien und geschmeidigen, heiteren Ornamenten. Die Architektur wurde vom Symmetriezwang befreit, es entstanden Giebel in Blumenform, und an den Hausfassaden rankten sich die Regenrinnen so kunstvoll wie die Zweige eines Baumstammes empor.

Art-nouveau-Puristen wie der Bildhauer Victor Prouvé, der Glasbläser Antonin Daum, der Möbelbauer Eugène Vallin, der Fenstergestalter Jacques Gruber oder die Architekten Lucien Weissenburger und Emile André machten die lothringische Provinzstadt zu einem schöpferischen, avantgardistischen Zentrum. Nancys Jugendstilepoche war jedoch kurzlebig. Mit dem Tode Gallés im Jahre 1904 und zunehmender kommerzieller Serienproduktion verblaßte der Glanz der "Schule von Nancy". Man sehnte sich wieder nach klaren Konturen und klassizistischer Schlichtheit zurück. Die Glas- und Kristallpreziosen von Galle oder Daum waren bald so verpönt wie heute Schwarzwälder Kuckucksuhren. "Die Jugendstilobjekte wurden zur billigen Gebrauchsware, gerade gut genug für die Conciergen und Putzfrauen", erinnert sich Michèle Maubeuge. Heute erzielen die einst verschmähten Kunstwerke auf Auktionen Rekordpreise: 1984 wurde in Tokio ein schlichtes Daum-Väschen mit Spinnenmotiv für 250 000 Dollar versteigert.

Auch das Fremdenverkehrsamt von Nancy fördert diese Wiederentdeckung des Jugendstilerbes. Faltblätter mit detaillierter Routenschilderung erlauben es Kunstinteressierten, Jahrhundertwende-Fassaden und die Kollektionen der "École de Nancy" zu erkunden. Auf Wunsch kann man sich auch von einem fachkundigen Führer begleiten lassen. Lehrreichste Einführung für solch einen nostalgischen Trip auf den Spuren von Galle und Co. ist eine Visite des der "Ecole de Nancy" gewidmeten Museums. Es ist in dem herrschaftlichen Haus des Unternehmers und Mäzens Eugène Corbin untergebracht und beherbergt einzigartige Prunkstücke der experimentierfreudigen Jugendstilkünstler: zum Beispiel einen komplett eingerichteten Speisesalon mit organischen Formen, eine Teamarbeit von Vallin und Prouvé, oder Glas- und Keramikwerke des Naturverehrers Galle, auf denen Orchideen, Distel- und afrikanische Palmzweige prangen, umschwirrt von Libellen und Faltern, bevölkert von Kaulquappen und Tintenfischen, verziert mit Baudelaire-Versen und patriotischen Freiheitsbekenntnissen.

Welch exotisch-exzentrische Blüten diese Artnouveau-Mode trieb, wird im verwunschenen, von einem kleinen Teich geschmückten Park des Museums sichtbar. Dort hatte sich Corbin einen Pavillon errichten lassen, hinter dessen höhlenartigen Fenstern Zierfische in Aquarien ihre Runden drehten. Nicht weit von diesem sonderlichen, pilzförmigen Bau entfernt verblüfft den Besucher ein anderes architektonisches Kuriosum: ein Grabmal in Form einer überdimensionalen Lilie, das ein Literat zum Gedenken an seine Frau hatte meißeln lassen.

Nancy ist von Bausünden nicht verschont geblieben. Viele der Jugendstilfassaden mußten trotz heftiger Proteste von Bürgerinitiativen klotzigen und frostigen Stahl- und Glasbauten weichen. Doch die Broschüre "Nancy 1900" listet noch gut 50 intakte und sehenswerte Gebäude der Jahrhundertwende auf. Fast alle sind bewohnt und können deshalb nur von außen betrachtet werden. Eine Ausnahme ist die lichtdurchflutete Schalterhalle der Bank Credit Lyonnais, die jedermann betreten kann, um die riesige, mit filigranen Verschnörkelungen verzierte Decke aus farbigem Glas zu bewundern.