Von Monika Köhler

Er ist in Volltrance. Er hat einen goldenen Helm auf dem Kopf, der 60 Pfund gewogen hat..., dann rast er durch die Stadt zum Festplatz, um die bösen Geister zu bannen.“ Wer da erzählt, mit weitausholenden Gesten, ein weißhaariger alter Herr im Schaukelstuhl, hinter sich Geweihe, Tiertrophäen und ein Leopardenfell – wer da vom Bildschirm her das tibetische Staatsorakel ins Wohnzimmer zaubert: ein Mann namens Schäfer. Im ZDF läuft die letzte Folge der Serie „Terra-X“, eine Reise durch Ost- und Zentraltibet und zeigt den Experten: Tibetforscher Professor Ernst Schäfer mit seinem Film „Lhasa Lo“, 1939 gedreht.

„Plötzlich begann er zu zittern, verfärbte sich, gelblich, blutrot, in frenetischem Tanz wurde er hinausgetragen, alles verneigte sich vor ihm, dann brach er in sich zusammen und lag wie ein epileptisch zuckendes Häuflein Fleisch auf der Erde.“ Später habe er, Schäfer, wieder „mit ihm Verbindung genommen“. Bei vollem Tagesbewußtsein habe der Orakel-Priester ihm geweissagt: „Die fliegenden Menschen werden kommen, es wird eine Vernichtung geben, der elektrische Funke wird kommen nach Lhasa. Damit wird unsere Religion vernichtet werden.“ Und daß etwas „Furchtbares“ geschehen werde in England und Deutschland.

„Ich war ja völlig abgeschlossen von der ganzen Welt.“ Ernst Schäfer preßt beide Hände auf seine Brust, als müsse er da etwas zurückhalten, und spricht: „Ich war ja diese vielen Monate lang abgeschlossen von der Tagespolitik Europas, Deutschlands, Englands, Amerikas, Japans – nichts. Und deshalb war es für mich natürlich ein Schock, ein tiefer, tiefer Schock, der nun leider sich bewahrheitete.“

Er wußte nichts, im Jahre 39, gar nichts. Und er schrieb Bücher über seine Reisen nach Tibet, z.B. dieses: „Geheimnis Tibet – Erster Bericht der Deutschen Tibet-Expedition Ernst Schäfer, 1938/39 – Schirmherr Reichsführer SS“, gedruckt 1943. Im Vorwort weist der Verfasser auf „etwas völlig Neuartiges“ hin, daß einige Expeditionsmitglieder in der Heimat blieben, von dort sein zurückgesandtes Material prüften und ihm „immer neue Anregungen und vor allem auch schärfste Kritiken nach draußen in die Wildnis“ schickten. Ein Mitarbeiter blieb in der Basisstation Kalkutta, so daß, schrieb Schäfer, „eine unlösbare Kette der geistigen Verbindungen trotz der Unwegsamkeit des tibetischen Hochlandes hergestellt werden konnte“. Doch es gab auch Informationsquellen ganz anderer Art. Etwas, das er als Geschenk dem Regenten überreichte – einen Kurzwellen-Empfänger.

Völlig abgeschlossen von der ganzen Welt war er, sagt Forscher Schäfer heute im ZDF. Doch zur Expedition in Tibet gehörten noch seine Kameraden Karl Wienert, der Geophysiker und Erdmagnetiker, Ernst Krause, der Entomologe, Film- und Kameramann, Edmund Geer, der technische Leiter, vor allem aber Bruno Beger, der Ethnologe und Anthropologe. Ein Ziel der Reise war, „einmal in freier Wildnis zu beweisen und dem Ausland zu zeigen, daß es fruchtbar ist, unserer Weltanschauung gemäß zu forschen“. Die Forschungen bestanden nicht zuletzt im Untersuchen und Vermessen von Menschengruppen, in Kopf-, Hand- und Fußabformungen, Gesichtsmasken, daktyloskopischen und Blutgruppen-Untersuchungen.

Völlig abgeschlossen. Sie hatten endlich die Einladung der tibetischen Regierung nach Lhasa in Händen. Noch im Dezember waren sie von Sickim nach Tibet aufgebrochen. „Es läßt sich so einrichten, daß wir die Sonnwendfeier am 21. Dezember 1938 nur wenige Meilen von der tibetischen Grenze entfernt, an einem 4000 Meter hohen, idyllisch gelegenen Bergsee begehen können. Das ist ein großer Tag für uns, da wir im stillen Kreise um unseren kleinen Radioapparat sitzen, um den Worten des Reichsführers SS, H. Himmler, der unser Schirmherr ist, zu lauschen.“ Völlig abgeschlossen von der ganzen Welt... „Da ergreifen wir schweigend die Fackeln und begeben uns, gefolgt von unserer treuen Eingeborenen-Mannschaft, hinunter zum Seeufer, wo wir uns im Widerscheine des lodernden Feuers geloben, weiterhin auf Gedeih und Verderb zusammenzuhalten und unsere schöne große Aufgabe zu lösen...“

Eine ergreifende Szene, beschrieben 1943. Umgeschrieben 1950. Unter dem neuen Titel „Über den Himalaya ins Land der Götter“ fehlt nicht die Szene, aber der Radioapparat und der Reichsführer. Den Leser entschädigen Naturschilderungen.

Zurück zum Bildschirm. Was ein Sprecher sagt, heute: „So wie diese Prophezeiung des Zweiten Weltkrieges grausame Wirklichkeit wurde, so bewahrheitete sich – historisch verbürgt – manche andere Vision, die das Orakel in Trance hatte.“

Vision, Prophetie? Nein, Geheime Reichssache 1939; „Unternehmen Tibet. Geplant ist, den SS-Hauptsturmführer Dr. Schäfer, der bereits dreimal in Tibet war und erst im Juli d. Js. von seiner letzten Forschungsreise zurückgekommen ist, mit einer kleinen Truppe von etwa 30 Mann und einer Waffenausrüstung für 1000 bis 2000 Mann nach Tibet zu entsenden.“ 1964 gesteht Schäfer-Begleiter Beger dem Historiker Michael H. Kater („Das ‚Ahnenerbe‘ der SS“, 1974), daß dieser Schäfer-Stoßtrupp mit Geschenken versuchen sollte, „die tibetische Armee gegen die britischen Truppen aufzuwiegeln. Es sollte den Tibetern Freiheit von den englischen Ausbeutern versprochen werden.“

Obwohl die Schäfertruppe während einer zweimonatigen Spezialausbildung „sowohl am mittleren und schweren Granatwerfer als auch am schweren M.G. ausgebildet“ werden sollte, wurde aus dem Plan wegen der Zwistigkeiten zwischen Himmler und Rosenberg nichts.

Immerhin, Himmler hat den einsamen Forscher, den er wegen seiner früheren Expeditionserfolge schon 1936 zum SS-Untersturmführer im Persönlichen Stab ernannt hatte, gleich nach seiner Rückkehr aus Tibet im August 1939 mit dem SS-Totenkopfring und dem Ehrendegen ausgezeichnet. Der Tibetforscher gehörte dem „Ahnenerbe“, der pseudowissenschaftlichen Einrichtung der SS, an und dem Freundeskreis Himmler. Dort führte er auch seinen Tibet-Film vor und machte damit eine Vortragsreise, die SS-Gliederungen zu Schulungszwecken dienen sollte. 1943 schaffte er es, seine Ahnenerbe-Abteilung in ein Reichsinstitut zu verwandeln, in das Sven-Hedin-Institut für Innerasien und Expeditionen, mit Sitz in München. Später zog er in das Schloß Mittersill in der „Ostmark“. Und er stellte seine alten Tibet-Kameraden ein: Beger, Geer, Wienert und Krause.

Wieder wurde eine Expedition geplant, diesmal in den Kaukasus. Schäfer sollte das Unternehmen leiten. Sein Tibet-Freund Beger war für die Aufgabe vorgesehen, Bergjuden zu vermessen, Bergjuden, die ein Handbuch der SS als „Fremdkörper“ im kaukasischen Raum bezeichnete. Dazu brauchte man Material, schwerbewaffnete Pioniere der Waffen-SS und, wie Schäfer für Beger und die anderen Anthropologen anforderte, „zwanzig Skalpelle verschiedener Größen, sechs starke Skalpelle, fünf große Fleischmaschinen“, worunter Entfleischungsmaschinen zu verstehen sind.

Aber auch aus dieser Reise wurde nichts – die Rote Armee war schneller. Der Anthropologe Beger fuhr statt dessen im Juni 1943 nach Auschwitz, da dort gerade „besonders geeignetes Material“ eingetroffen war. Er bewunderte die blühenden Pappelalleen – an die er sich noch 1970 in seinem Prozeß erinnerte: drei glimpfliche Jahre Freiheitsstrafe – und suchte interessante Typen aus zum Vermessen: 79 Juden und 30 Jüdinnen, zwei Polen, zwei Usbeken, einen usbekisch-tadschikischen Mischling und einen Tschuwaschen aus der Gegend um Kasan. „Der Usbeke, ein großer gesunder Naturbursche, hätte ein Tibeter sein können. Seine Sprechweise, seine Bewegungen und seine Art, sich zu geben, waren einfach entzückend, mit einem Wort: innerasiatisch“, schrieb er begeistert an Ernst Schäfer, „über meine Auschwitzer Eindrücke muß ich Dir noch mündlich im Einzelnen berichten...

Die vermessenen Häftlinge wurden – in sauberem Drillichzeug – zum KZ Natzweiler im Elsaß transportiert, dort hat man sie sorgfältig vergast. Ihre Leichen kamen dann in die Straßburger Anatomie für die Sammlung von Professor August Hirt. Die Skelettierungsarbeiten verzögerten sich. Doch im Jahre 1944 befanden sich auf Schloß Mittersill menschliche Totenköpfe.

Der Anthropologe Dr. Rudolf Trojan schrieb Beger einen Brief: „Was soll eigentlich mit den Totenschädeln geschehen? Wir haben sie herumstehen und verlieren nur Platz dadurch. Was war ursprünglich damit geplant? Ich halte es für das Vernünftigste, sie so wie sie sind nach Straßburg zu schicken, sie sollen dann sehen, wie sie damit fertig werden können.“

Terra X, ein Film über ein unbekanntes Land; ein deutscher Professor, der abgeschlossen war von der ganzen Welt; Totenköpfe, die herumstanden irgendwo, die herumstehen.