Die Nachricht ist beunruhigend für jene vier Millionen Frauen in der Bundesrepublik, die täglich die Antibabypille schlucken, und dies oft über viele Jahre ohne Unterbrechung. "Besorgnis über Zusammenhang von Pille und Brustkrebs" vermeldeten Agenturen und Tageszeitungen jüngst; und weiter: "Nach zehnjährigem Gebrauch der Pille (ist) das Krebsrisiko viermal höher als bei Frauen, die diese Methode der Empfängnisverhütung nicht verwenden." Jedes 15. deutsche Mädchen wird im Laufe seines Lebens an Brustkrebs erkranken. Eine erschreckende Zahl! Ist daran die Pille schuld?

Donald Miller von der Medical School in Boston und Samuel Shapiro vom Sloan-Kettering-Krebs-Institut in New York vermuten einen Zusammenhang. Sie haben die Daten von 828 Frauen untersucht.

Eine englische Gruppe in Manchester um den Krebsforscher Clifford Kay hat über Ärzte 46 000 Frauen befragen lassen. Ihre Ergebnisse: Bei Frauen zwischen 30 und 34 Jahren, die regelmäßig über mehrere Jahre die Pille genommen hatten, fanden die Forscher dreimal so häufig Brustkrebs. Blieben Alter und Dauer der Pilleneinnahme aber unberücksichtigt, so erwies sich das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, als gleich groß – unabhängig davon, ob die Pille genommen wurde oder nicht.

Eine dritte Studie stammt aus den Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta. Diese amerikanische Behörde (eine vergleichbare Einrichtung gibt es bei uns nicht) verfügt über eine umfangreiche Datensammlung aus allen Krankheitsbereichen. Zuverlässige Angaben über die Häufigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen und ihre Komplikationen sind dort ebenso zu bekommen wie Angaben über die Häufigkeit von Brustkrebs und die Einnahme von Hormonen. Diese Daten hat die CDC schon 1981 vorgelegt. Bruce Stadel von der Food and Drug Administration, Aufsichtsbehörde für Arzneimittel, hat sie jetzt erneut überprüft. Das Ergebnis: In einer winzigen Gruppe von Frauen über 54 Jahre fand er ein dreimal höheres Krebsrisiko. Voraussetzungen: Sie hatten keine Kinder bekommen, ihre erste Monatsblutung lag vor dem 13. Lebensjahr, und sie hatten mindestens sieben Jahre lang ununterbrochen die Pille genommen.

Aus diesen Daten kann man nicht schließen, daß Brustkrebs eine Folge der Pilleneinnahme sei.

Zuverlässige Statistiken über die Häufigkeit von Krankheiten sind sehr schwer zu erstellen, und allergrößte Vorsicht ist geboten, wenn man sie deuten will. Die amerikanischen Forscher haben sich der retrospektiven Methode bedient: Sie haben die Daten aus der Krankheitsvorgeschichte der Patientinnen mit ihrer Krebserkrankung verbunden; auch Alkoholkonsum, Zigaretten, Krebs in der Familie wurden registriert. Als Kontrollgruppe dienten Frauen gleichen Alters, die zum selben Zeitpunkt wie die an Brustkrebs Erkrankten in ein Hospital aufgenommen wurden. Damit eine Studie nach dieser Methode überhaupt aussagekräftig ist, muß sie die Daten vieler Frauen einbeziehen. 828 wie in Boston und New York sind durchaus genug.

Es sind andere Faktoren, die diese Studie äußerst fragwürdig machen. Diese Studie wurde an mehreren Orten durchgeführt, viele Hilfskräfte waren an ihr beteiligt, und die Patientinnen kommen aus unterschiedlichen Bildungsschichten. Von allen gleich zuverlässige Angaben zu bekommen, ist so gut wie ausgeschlossen. Wer einmal in einem amerikanischen Krankenhaus gearbeitet hat, weiß, wie wenig amerikanische Patientinnen über ihre eigenen medizinisch wichtigen Lebensdaten Bescheid wissen. Welche Tabletten sie eingenommen haben, wann sie ihre letzte oder gar die erste Regelblutung hatten – sie erinnern sich nicht. Solche Lücken und Verzerrungen durch falsche Antworten machen eine Statistik so gut wie unbrauchbar. Miller und seine Mitarbeiter kennen diese Einwände. Sie gehen in ihrer noch nicht publizierten Arbeit "Brustkrebs vor dem 45. Lebensjahr und orale Kontrazeptive" darauf ein. Sie weisen auf eine weitere, häufige "Verzerrung" hin. Kranke haben den Wunsch, die Ursache ihrer Krankheit zu finden. Brustkrebskranke Frauen haben auch in der Vergangenheit häufiger von Vermutungen gehört, die "Pille" könnte schuld sein. Das führt dazu, daß sie den Zeitraum ihrer Pilleneinnahme überschätzen. Die Statistik wird dadurch so gut wie unbrauchbar. Noch ein wichtiger Punkt: Junge Frauen, die die Pille nehmen, beobachten ihren Körper viel stärker, als jene, die keine nehmen. Sie entdecken also Veränderungen an ihrer Brust viel früher.