Stuttgart

Die Zugereisten wollen schon lange die altbewährte Kehrwoche abschaffen, weil sie nicht arbeiten wollen, diese jungen Weiber, und im Nest liegen bleiben wollen. Aber wenn die Miete sich um fünf Mark erhöhen sollte, dann stehen sie zusammen wie eine Dutschke-Gesellschaft, und der Herr ernähret sie doch."

So leidenschaftlich hatte einst – es war 1968 in einem Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung – eine Patriotin für sie gestritten. Umsonst. Die Kehrwoche, jenes schwäbische Ritual, bei dem die Mietparteien samstags reihum den Bürgersteig fegen, sie ist in Stuttgart abgeschafft. Der Gemeinderat höchstselbst hat diese einzigartige Kulturleistung des schwäbischen Geistes schnöde verraten.

Hinter dem Coup steckt tatsächlich eine Art Dutschke-Gesellschaft – die Stuttgarter Grünen. Die forderten schon 1986, den Stuttgarter Süden zur kehrwochenfreien Zone zu erklären – mit einer Begründung, die infam des Schwaben Leidenschaft fürs Autofahren gegen seinen Hang zur Straßenreinigung ausspielte: "Wenn sich also die Legislative nicht um das Gift in der Luft kümmern will und billigend in Kauf nimmt, daß durch überhöhte Geschwindigkeit Tausende von Menschen im Autoverkehr sterben müssen, ist es recht und billig, das bißchen Dreck auf der Treppe und im Hof liegenlassen zu dürfen", hieß es in einem Antrag an den zuständigen Bezirksbeirat. Das Gremium reagierte damals auf das aufrührerische Ansinnen, wie es zu erwarten war – mit Nichtachtung. Schließlich ist die Kehrwoche nicht irgendeine simple Verordnung. Sie existierte schon zu Kolumbus’ Zeiten, als es im Stuttgarter Stadtrecht von 1492 hieß: "Damit die Stadt rein erhalten wird, soll jeder seinen Mist alle Wochen hinausführen."

Keine drei Jahre blieben die Stuttgarter Stadtväter standhaft. Der hedonistische Zeitgeist, der nur noch aufs Vergnügen sieht und nicht mehr auf die Reinlichkeit, hielt Einzug in der Stadt. Und die Grünen hatten leichtes Spiel, als sie kurz vor Weihnachten die Novellierung der "Satzung über das Reinigen, Räumen und Bestreuen der Gehwege" zum Anlaß nahmen, um der Kehrwoche den Garaus zu machen. Sie wollten vier Worte gestrichen haben, ganz unideologisch, nur um der Vereinfachung willen, ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hieß es in Paragraph vier der genannten Satzung bisher: "Sie (die Reinigung der Gehwege) ist nach Bedarf, mindestens jedoch einmal wöchentlich vorzunehmen", so heißt es künftig schlicht: "Sie ist nach Bedarf vorzunehmen."

Nach Bedarf? Den schwäbischen Hausmeistern graust es bei dem Gedanken, was ein Berliner Student oder eine ostfriesische Emanze unter "Bedarf" verstehen mag. Solche "rei’ G’schmeckte", wie die Stuttgarter alle nennen, die nicht alle drei Nasale im schwäbischen "ohahgnähm" (hochdeutsch: unangenehm) korrekt aussprechen können, waten bekanntlich mit Vergnügen durchs Laub statt, wie ein echter Kehrwöchner, schon einem einzelnen Blatt mit Besen und Kutterschaufel zu Leibe zu rücken. Bleibt den Häuslebesitzern nur ein Trost: Sie müssen die Kehrwoche juristisch eindeutig im Mietvertrag absichern. Dann ist sie zumindest einklagbar, auch wenn Schlampern nicht mehr, wie bisher, ein Bußgeld von 1000 Mark droht.

Doch ist damit die Sache erledigt, beginnt nicht im Gegenteil erst die Tragödie? Ist nicht der Niedergang des Schwabentums programmiert? Nicht wenige sind der Ansicht, daß die Kehrwoche das Rückgrat war für schwäbischen Fleiß, schwäbische Pünktlichkeit, schwäbische Präzisionsarbeit. Bisher galt es im pietistisch-protestantischen Württemberg für ausgemacht, daß das Gleichnis von den Vögeln, die der Herr ernährt, auch wenn sie nicht säen und ernten, auf Schwaben nicht angewendet werden kann, sondern daß Brot und Himmelreich verdient werden müssen – zum Beispiel mit dem Besen in der Hand. Was aber, wenn die Leute plötzlich merken, daß ein wenig Laub auf dem Gehweg und eine Zigarettenkippe im Rinnstein ihren Seelenfrieden nicht stört? Wenn diese Haltung, unbemerkt zunächst, die Arbeiter bei Daimler-Benz infiziert? Schleichend die schwäbische Wirtschaftskraft zerstört? Die Arbeitslosigkeit über die fünf Prozent hinaustreibt? Vielleicht wird man dann jenem aufrechten Stadtrat, der, dem geballten Meinungsdruck seiner 59 Kollegen zum Trotz, als einziger gegen die Abschaffung der Kehrwoche gestimmt hat, ein Denkmal setzen. Rudolf Bläser mit Kehrbesen, aus Bronze, postmoderner Stil. Monika Egler