Als "Musterbeispiel" dafür, wie Kirchenporzellan zerschlagen werden kann, beklagte noch eben die Munchener Katholische Bistumszeitung den Ausgang der Kölner Bischofswirren. Und schon sind neue Scherbenhaufen entstanden.

Auf den erzbischöflichen Stuhl von Salzburg, der mit dem Ehrentitel eines "Primas Germanae" verbunden ist, setzte der Papst jetzt den Kleinstadtdekan Georg Eder, der vor dem "fürchterlichen Freiheitsdrang der Demokratie" in seiner Kirche Angst hat und im Sexualunterricht der Schulen "kommunistischen Gesellschaftsumsturz" wittert. Eder zu wählen, war das Domkapitel – ähnlich wie in Köln – gezwungen worden. Anders als die Kölner traten jedoch die Salzburger Domherren die Flucht in die Öffentlichkeit an und sprachen von dem "schweren Gewissenskonflikt", in den sie gestürzt wurden: "Der Heilige Stuhl hat der Bitte um Anhörung einer Delegation des Kapitels nicht stattgegeben, sondern mit Schreiben vom 14. Dezember auf der Durchführung der Wahl aus dem vorliegenden Dreiervorschlag beharrt; dies wurde sowohl mit dem Wortlaut des österreichischen Konkordats als auch mit dem ausdrücklichen Wunsch des Papstes begründet."

Eder, der sich selbst wunderte ("Ich sag’s ganz ehrlich: Ich dachte eher an einen Mann der Mitte"), ließ sich zur Annahme der Wahl vom umstrittenen Wiener Hilfsbischof Krenn überreden. Der meinte, die Kirchenkrise lasse sich nicht durch einen Ausgleich von Gegensätzen, auch nicht durch die integrierende "humane Kompetenz" eines Hirten (wie sie etwa der Wiener Kardinal Erzbischof König verkörperte) überwinden, sondern nur mit "personaler Kompetenz", die autoritär auf Gehorsam pocht. Dazu der neue Erzbischof Eder: "Wir Konservativen reißen keine Gräben auf, wir machen sie nur sichtbar, decken sie auf."

Selbst wenn es da einen Unterschied gäbe, die Folgen sind die gleichen: Fassungslose Bestürzung herrscht unter den 15 Prozent noch praktizierenden (von 6,3 Millionen) österreichischen Katholiken, von denen sich fast alle zur Mitte und zum Brückenbaukurs Kardinal Königs bekennen. Daß der römische Pontifex dies ignoriert, macht sie um so mehr betroffen, als der Salzburger Ernennung schon ähnliche in Wien und Linz vorausgingen – und eine ebenso peinliche in Feldkirch folgen wird.

Dort will der Papst als Nachfolger des pensionierten Vorarlberger Bischofs Bruno Wechner gegen dessen Rat ausgerechnet Klaus Küng einsetzen, den Generalvikar des konservativen "Opus Dei" in Österreich. Die Wiener Regierung gab dazu am Dienstag ihre formal erforderliche Zustimmung – mit ebenso offen zur Schau gestelltem Widerwillen wie nach der Salzburger Bischofswahl.

Schon nährt die Kontroverse nicht nur altösterreichischen Antiklerikalismus. Mancher Politiker der schwarz-roten Koalition nutzt den hitzigen Streit, um sein eigenes Süppchen zu kochen. Je mehr der Frust steigt, um so billiger die Aggression", kommentierte die Wiener Presse. Sogar aus der katholischen Volkspartei (ÖVP) ist viel Kritisches zu hören: Roms Antwort auf die Kirchenkrise sei "nicht ganz die richtige", "man konserviere Strukturen statt Werte", sagte ÖVP-Obmann Busek und prophezeite eine "neue Kirche, die vielleicht überhaupt ganz anders ausschaut". Hubert Feichtelbauer, der Präsident der katholischen Publizisten, sprach gar von "Nötigung und Demütigung" durch Rom und fragte: "Handelt so ein Vater, der sich heilig nennen läßt... ?" Zielscheibe des Verdrusses ist vor allem der päpstliche Nuntius, der – ähnlich wie sein Bonner Kollege – die Bischofskandidaten nach dem Grundsatz zu empfehlen scheint: Je unbeliebter ein Hirte, desto strenger hält er unfolgsame Schafe im Pferch.

Ist es da ein Wunder, daß die "Freude am Christsein" verloren geht und die Kirche "eine Hochzeit ohne Liebe und Wein geworden ist"? So beschrieb Kurienkardinal Ratzinger am 15. Januar in Altötting ihren Zustand. Dämmert etwas im Vatikan? Hansjakob Stehle