Wer möchte nicht gern, noch bevor sie ganz am Ende ist, schon etwas erfahren über die Literatur der achtziger Jahre? Für ein so eiliges Geschäft scheint sich Hubert Winkels zu empfehlen durch seine quasi sportlichen Qualitäten, durch Antrittsschnelligkeit, taktische Cleverness, Atem für Zwischenspurts und Kondition für das alles entscheidende Finish. Leider ist er nur, wohl um sich für den Spurt durchs Jahrzehnt mit etwas Haftung zu versehen, den derzeit beliebten theoretischen Allesklebern auf den Leim gegangen, vor allem den feinen poststrukturalistisch französischen. "Am Leitfaden des Leibes die Literatur der achtziger Jahre zu passieren", das bleibt uns also nicht erspart und folglich auch nicht Sätze wie: "Die Gewalt wird nicht benannt, sondern in Strömen und Einschnitten repräsentiert, die das Symbolische an den Schmerz rückbinden, auf dem es beruht."

Daß Winkels’ bald derart wabernde, dann wieder überraschend flott zupackende Interpretationslust nicht das ganze literarische Jahrzehnt erfaßt, sondern eine interessierte Auswahl trifft, das und auch die Gründe dafür legt eine temperamentvolle Einleitung dar. Ihn beschäftigt also (repräsentiert durch Namen wie Duden, Jelinek, Kirchhoff) zunächst jene an Körpern und Wunden engagierte Fraktion der Schreibenden, die man eben noch die Authentischen und etwas früher die Existentialisten genannt hätte, und in einem zweiten Teil dann (vertreten etwa durch Morshäuser, Glaser, Lottmann, Meinecke) die Truppe der Großstadt- und Medienfreaks, die sich verstehen ließe als Auflösungserscheinung dessen, was einmal gesellschaftskritische Literatur schien. Ob Winkels seine Auswahl und diese Unterscheidungen getroffen hat, um in seinem Schlußkapitel Rainald Goetz stillschweigend als Vollender und Aufheber beider Schreibströmungen auftreten zu lassen? Denn in seinen Texten scheint hier ein non plus ultra aktueller literarischer Ausdrucks- und Erkenntniskraft erreicht und zwar mit der paradoxerweise Satz für Satz mitgeschriebenen Reflexion, daß sich ja im Medium Sprache Sinn und Ausdruck, Kommunikation und Identität kaum noch herstellen lassen.

Nicht interessiert also zeigt sich Winkels an allem, was sich zu "Langsamer Heimkehr" entschlossen hat, an "einer Literatur des Anfangs und des Endes, der Archaik und der Apokalypse", wie er eher wegwerfend sagt, und ebenso kalt läßt ihn "eine elegante, zauberische, nonchalante Literatur, heiter eingedenk der Kontingenz des Daseins", also die süffige Postmoderne. Derartige Ausgrenzungen und Abgrenzungen, überhaupt alle negativen Bestimmungen gehen ihm viel entschlossener, präziser, schärfer von der Hand als genaue Begründungen seiner enthusiastischen Lektüre. Alle positiven Befunde nämlich geraten zu leicht in die Dampfmaschine des Theoretisierens.

Diese Spaltung des Buches in zwei Diskurse, in einen eher journalistischen und einen akademischen, verwirrt zwar, sorgt aber auch für Spannung. Als Journalist möchte Winkels seine Befunde rasch loswerden und erledigen in Pointen, so wenn er etwa Goetz "die notwendig politisch militante Verkörperung des Dandys im nachbürgerlichen Zeitalter" und seine Essays "eine Prosa der Kampfstiefel und nervös bebenden Nasenflügel" nennt. Mit seinem theoretischen Geraun aber, ehrgeizig bemüht um Tuchfühlung zur anspruchsvoll schicksten Literaturwissenschaft, verrät er literarische Texte allzu beflissen an vorgegebene und vorgefaßte Denksysteme und damit an jenes Allgemeine, dem Literatur doch gerade, als möglichst unreduzierbar, entkommen möchte.

So daß dieser eilige Kundschafter am vertrauenswürdigsten und anregendsten immer da wirkt, wo er zugreifend, loslassend, wieder zugreifend und wieder loslassend sich zu keinen endgültigen Befunden entschließen kann, sondern sich nah an den Sätzen und Geschichten durch sie einen Weg bahnt wie durch unübersichtlichen Dschungel. Das Rasche, Temperamentvolle, Vorläufige dieser Durchmusterung des Jahrzehnts bleibt also ihre beste Qualität. Auch, weil man das Buch erstaunlich schnell durchreisen kann, um sich dann, es zuschlagend und abschüttelnd, mit neuer Lust wieder hinauszubegeben ins letzte dieser achtziger Jahre und seine Literatur. Bevor es zu spät ist.

Reinhard Baumgart

  • Hubert Winkels: