Von Abba Eban

JERUSALEM. – Die jüngste Neuformulierung der palästinensischen Position wird weder das Nahost-Problem "lösen", noch Verhandlungen mit Israel in greifbare Nähe rücken. Aber alle Versuche in Israel wie in den Vereinigten Staaten, das Umdenken bei den Palästinensern als wertlos oder heuchlerisch abzutun, gehen fehl. Und es ist absurd zu behaupten, wie viele Freunde Israels es getan haben, daß die amerikanische Bereitschaft, mit der PLO zu sprechen, das Überleben Israels gefährde.

Der Wandel im Denken der Palästinenser hin zu "realistischen und pragmatischen Positionen", wie Präsident Reagan es genannt hat, ist entweder Tatsache oder Täuschung. Ist es Tatsache, dann wäre es verantwortungslos, die volle Bedeutung dieses Wandels nicht auszuloten. Ist es nur ein Täuschungsmanöver, dann sollte es als solches entlarvt werden. Auf jeden Fall hat der amerikanische Außenminister Shultz recht gehandelt, als er sich zum Erkundungsdialog mit der PLO entschied.

Die Gründe für die Annahme, daß die Führung der PLO einen neuen Kurs eingeschlagen hat, sind zu schwerwiegend, um leichthin verworfen zu werden. Da ist zunächst der eindrucksvolle Konsens all der Staatsmänner, die je den Interessen Israels und seiner Rechtsposition Respekt gezollt haben. Es wäre doch absurd, wenn Israelis glauben wollten, daß Reagan, Thatcher, Mitterrand, die Führung der amerikanischen Juden und andere Freunde Israels in Europa, Lateinamerika und der übrigen Welt leichtgläubige Trottel wären.

Noch eindrucksvoller ist eine kürzliche Umfrage, nach der 55 Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels heute Verhandlungen mit der PLO unterstützen, wenn ihr Vorsitzender Arafat seine Versprechungen einhält.

Und dennoch haben manche israelfreundlichen Kommentatoren in den Vereinigten Staaten sämtliche Alarmhebel gezogen, weil ein amerikanischer Botschafter mit einem Vertreter der PLO spricht. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, daß Israel ein unbewaffneter Staat sei wie etwa Island oder Marokko, Liechtenstein oder Costa Rica. Die Streitkräfte der PLO erscheinen dagegen als die direkten Abkömmlinge Alexanders des Großen, Dschingis-Khans, Napoleons, Hitlers und Stalins, die jederzeit Israel auslöschen könnten. Kein Wort darüber, daß Israel durchaus eine militärische Macht oder daß die PLO in ihren militärischen Mitteln beschränkt ist.

Das aber steht völlig im Widerspruch zur Realität. Das israelische Verteidigungssystem ist eines der Wunder der Welt. Noch nie in der Geschichte war ein so kleines Land in der Lage – und bereit –, ein solches Riesenheer für Verteidigung, Abschreckung und Vergeltung einzusetzen. Die jährliche Übersicht des Forschungszentrums für Strategische Studien an der Universität Tel Aviv, "Das militärische Gleichgewicht im Nahen Osten", rechnet für Israel mit 540 000 Mann, rund 3800 Panzern, 682 Flugzeugen mit erheblicher Fähigkeit zum Bombeneinsatz, Tausenden von Geschützen und Raketen und eindrucksvoller elektronischer Ausrüstung. Dagegen hat die PLO nach derselben Übersicht gerade 8000 Mann, die zudem über verschiedene Orte verteilt sind, keinerlei Panzer und Flugzeuge, ein paar Geschütze und keine Raketen, dafür aber eine Vielzahl von Handgranaten, Granatwerfern, Steinen und Flaschen. Man muß schon ziemlich phantasievoll sein, um sich auszumalen, daß diese Streitkräfte unsere Städte von allen Seiten und vom Meer aus umzingeln und Hunderttausende von Toten und Verwundeten hinterlassen können.