ZDF, Donnerstag, 12. 1.: Journalisten fragen – Politiker antworten".

Daß niemand rechtzeitig merkt, wie sehr der Eindruck, den unser Bundeskanzler zu machen wünscht: Chef eines tüchtigen, selbstbewußten, soliden, offenen, demokratischen Staatswesens zu sein, wie sehr sein Bemühen um Statur zunichte wird in so einer Sendung! Haben wir es nötig, unseren Kanzler in einem Interview wie in einer Audienz vorzuführen, flankiert von drei stummen Dienern, die artig ihre Fragen ausfahren, welche den Mann mit der Richtlinienkompetenz zu einer Regierungserklärung im kleinen veranlassen, zu einer nicht enden wollenden Suada über "gute Entwicklungen", "große Erfolge", "exzellente Beziehungen" und den "Atem der Geschichte"? Ist niemandem im ZDF klar, daß solche Berichterstattungen des Hofes in Diktaturen üblich, in einem demokratischen Staatswesen bestenfalls lächerlich sind?

Es waren diesmal die Kollegen Margarete Limberg vom Deutschlandfunk sowie Heinz Murmann vom Kölner Stadtanzeiger und Rudolf Strauch von der Hannoverschen Allgemeinen im Studio zu Gast. Man kann nicht behaupten, daß die drei unterwürfig auftraten. Aber sie schienen gehalten zu sein, ihre Fragen in äußerster Kürze vorzubringen und auf jedes Nachhaken zu verzichten. So waren Tiefflug-Terror, Scholzscher Rigorismus, Verdacht illegaler Ausfuhr chemischer Waffen, waren Gesundheitswesen, Ostpolitik und Arbeitslosigkeit nur willkommene Stichworte für den Kanzler, die Regierungspolitik in das Licht seiner Rhetorik und seines Lächelns zu setzen. Als Frau Limberg darauf hinwies, daß die Arbeitslosigkeit gegenüber 1982 angewachsen sei, konterte Kohl kühl mit "richtigen Zahlen". Dann fiel ihm ein, daß er ein Kanzler des Volkes ist und dem Volke Zahlen nicht schmecken. Wir sollten doch statt toter Ziffern "die Gesichter der Betroffenen" in der Statistik sehen. Das also ist der Fortschritt ’82: Leute statt Prozente. Wir werden menschlicher.

Der einzige in der Runde, der die Regierungserklärung mal unterbrach, war Moderator Appel. Der plappelte und zappelte sich was zusammen, daß der Untertan am Schirm schon um des Kanzlers Langmut bangte – aber siehe, Appel traf, so ein Zufall, immer das, was Kohl gerade sagen wollte, und so konnte letzterer gnädig kommentieren: "Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde." Ja, wenn ein Journalist so was gut hinkriegt und wenn er sich im Gegenzug die Worte von der Politik auch in den Mund legen läßt, dann kann er es weit bringen. So weit wie Appel, dessen offenbar Puder-resistente rote Nase der einzige Lichtblick in der Sendung war.

Der Bildregie sei zum Schluß der Vorwurf des devoten Schnittes nicht erspart. Wenn Kohl sprach, sah man Kohl, breit sitzend und dunkelblau gewandet, und nah ging die Kamera an das Worte kauende Gesicht. Sprachen Frau Limberg oder ihre Kollegen, sah man nur kurz die Redenden, dann den zuhörenden Kohl. Oder die Kamera zeigte die gesamte Runde, Kohl von hinten, den Sprecher mit den anderen im Bild, oder Kohl von vorne, die Journalisten von hinten. Keine Nahaufnahmen der Fragenden, nur Kohl, immer wieder Kohl, als hätten wir da eine Knappheit gehabt. Begeistert überzog Appel um zehn Minuten.

Barbara Sichtermann