Von Marlies Menge

Was war los in Leipzig?" war ein Artikel in der FDJ-Zeitung Junge Welt vom Dienstag dieser Woche überschrieben. Der Leser rieb sich verwundert die Augen. Schließlich wußte er inzwischen aus westlichen Medien, was in Leipzig geschehen war: Anläßlich des Gedenktages der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hatte eine Leipziger Gruppe, die Initiative für demokratische Erneuerung unserer Gesellschaft, zu einer eigenen Kundgebung aufgerufen. Sie wollte öffentlich für das Recht auf freie Meinungsäußerung, für Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit und gegen das Verbot der Zeitschrift Sputnik und sowjetischer Filme eintreten.

Westliche Medien hatten berichtet, daß die Initiatoren der Veranstaltung schon am Donnerstag und Freitag verhaftet worden waren, daß sich zu der Kundgebung am Sonntag nachmittag im Zentrum Leipzigs rund 800 Menschen eingefunden hatten, von denen – so die im Westen veröffentlichten Zahlen – ein knappes Viertel festgenommen, später wieder freigelassen wurde.

Sollte etwa ausgerechnet die Junge Welt, die sich bisher so gar nicht reformfreundlich im Sinne Gorbatschows gezeigt hat, darüber berichten? Aber nein. Schon nach den ersten Sätzen hörte der Leser auf, sich zu wundern. Zwar war da auch von einer "eigenen Gedenkveranstaltung" die Rede, aber die hatte die FDJ-Leitung Leipzigs initiiert. Sie fand im Kino Kapitol statt: Ein Vertreter der Jugendbrigade "Karl Liebknecht" erneuerte "in einer Willenserklärung das Bekenntnis zum revolutionären Erbe ... Ein Riesenchor sang schließlich ‚Auf, auf zum Kampf". Der Leser legte die Zeitung beiseite und überlegte sich, ob solche Berichterstattung töricht oder zynisch ist.

Er erinnerte sich: Schon im letzten Jahr war in Ost-Berlin die Gedenkveranstaltung für die sozialistischen Urahnen Luxemburg/Liebknecht Anlaß für etliche gewesen, eigene Wünsche öffentlich zu äußern. So mancher wollte ausreisen. Es gab Festnahmen, Fürbitt-Gottesdienste überall im Land, danach Ausreisen, Abschiebungen. In diesem Jahr passierte ähnliches in Leipzig. Hat sich also nichts geändert im Lande DDR? Diesmal, so sagen die westlichen Medien, seien kaum Ausreisewillige unter denen gewesen, die in Leipzig zu der inoffiziellen Luxemburg/Liebknecht-Kundgebung gegangen waren.

Der Leser weiß: Es bedeutet nicht, daß weniger ausreisen wollen. Noch hat er die Meldungen aus den Westmedien im Ohr von den Besetzungen der Botschaften in Bukarest und Sofia und der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Die Leute wollten dadurch ihre Ausreise erzwingen. Und ein bißchen gewundert hat es ihn schon, als er – wiederum aus fremden Quellen – hörte, daß einige jener Besetzer bereits im Westen seien. Er fragte sich, ob so schnelle Erledigung den Staat nicht erpreßbar mache und wie das zusammenginge mit der anderen Nachricht, daß die, die eine Weimarer Kirche besetzt hatten, um ihren Ausreisewünschen Nachdruck zu verleihen, offenbar viel härter angefaßt wurden als die Besetzer von Botschaften oder der Ständigen Vertretung. Die erhielten nämlich bis zu drei Jahre Haft.

Hat sich wirklich nichts geändert? fragt er sich und gibt sich selbst die Antwort: Ja, doch. Und es ist Ironie des Schicksals, daß ausgerechnet die Gegner jeder Veränderung Veränderungen im Bewußtsein mancher Bürger bewirkt haben – zum Beispiel durch das Verbot der sowjetischen Zeitschrift Sputnik. Das hat auch die Trägen, die bisher Gleichgültigen aufgeschreckt. Vielleicht, denkt der Leser und wirft die Junge Welt in den Papierkorb, vielleicht war diese rigide Zensurmaßnahme sogar ganz heilsam. Zumindest hat sie die Attraktivität des Sozialismus Gorbatschowscher Prägung erhöht.