Von Hans Harald Bräutigam

Durch die internationale Presse gingen in den letzten Wochen Berichte, wonach Medizinstudenten an deutschen Universitäten angeblich noch immer mit Präparaten arbeiten, die den Körpern von NS-Mordopfern entnommen wurden. Der Autor, nach dem Krieg fast drei Jahrzehnte lang Chefarzt der gynäkologischen Abteilung des Marienkrankenhauses in Hamburg und jetzt Mitarbeiter der ZEIT, erinnert sich:

Während des Wintersemesters 1943/44 war ich nach einer Verwundung in Stalingrad zu einer Berliner Studentenkompanie kommandiert worden, um Medizin zu studieren. Wir waren Soldaten, wurden aber für das Medizinstudium freigestellt, weil die Truppe dringend Ärzte brauchte. In jenem Wintersemester nahm ich an einer Anatomievorlesung und einem Präparierkurs an der Humboldt-Universität teil, die heute zu Ost-Berlin gehört. Ordinarius für Anatomie war Professor Hermann Stieve, ein Mann von schier grenzenlosem Forscherehrgeiz. In seinem schwarzen Samtmantel wirkte er wie ein von der Bühne entsprungener Dr. Faustus.

Damals tobte gerade ein heftiger wissenschaftlicher Streit über den Eintritt des Eisprunges bei der Frau, der sogenannten Ovulation. Der Gynäkologe Hermann Knaus, den Älteren unter uns noch im Zusammenhang "Knaus-Ogino" für seine Lehre von den empfängnisfreien Tagen bekannt, behauptete, der Eisprung, und damit die Möglichkeit einer Befruchtung und Schwangerschaft, träte immer nur an einem bestimmten Tag im Monatszyklus einer Frau auf; der lasse sich durch sorgfältige Kalenderführung ermitteln. Somit könne jede Frau im vorhinein wissen, zu welcher – nur kurzen – Zeit in ihrem Zyklus sie mit einer Schwangerschaft rechnen müsse und in welch längerer sie ausgeschlossen wäre.

Hermann Stieve war Knaus’ schärfster Widersacher. Er wollte beweisen, daß neben dem normalen Zyklus auch "parazyklische" Ovulationen auftreten können – ja, daß sie auftreten müssen, wenn die Frau plötzlichen Erlebnissen ausgesetzt ist, die sie als dramatisch empfindet: Etwa das Auftauchen ihres als vermißt gemeldeten Ehemannes an der Wohnungstür als Urlauber von der Ostfront. Oder – die Situation äußersten Schreckens: Der Bote des Henkers überbringt einer zum Tode verurteilten Frau in ihrer Zelle die Nachricht, sie werde in der nächsten Stunde hingerichtet. Todesurteile und Hinrichtungen gab es genug in jenen Jahren. Dafür genügte das Abhören von feindlichen Rundfunksendern oder der Diebstahl eines Postpäckchens während eines Fliegeralarms. Für die wenigen Medizinstudenten, meist Angehörige der Studentenkompanien, waren deshalb Leichen im Überfluß vorhanden.

Auch für die Untersuchungen des Anatomen Hermann Stieve fehlte es nicht an weiblichem "Untersuchungsmaterial". Und er wollte unbedingt den Nachweis führen, daß durch Schockereignisse jederzeit ein Eisprung ausgelöst werden könne, um die Knaussche These vom Gesetz der zyklischen Fruchtbarkeit zu widerlegen.

Die Aufseher in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern der Nazis führten Menstruationskalender der zum Tode bestimmten Frauen. Dies machte es möglich, die Bekanntgabe des Tötungstages an das Opfer auf einen bestimmten Zyklustag zu legen. Und so geschah es – jedenfalls in einigen Fällen. Die Opfer wurden noch an demselben Tage getötet, ihre Leichen im anatomischen Institut geöffnet und auf den Eisprung untersucht. So konnte Professor Stieve den Nachweis führen, daß der Eisprung tatsächlich am Todestag geschehen war.

Im Zentralblatt für Gynäkologie Nummer 7 vom Juli 1944 veröffentlichte der Gelehrte anatomische und mikroskopische Befunde von sechs gesunden Frauen, die "überraschend" zu Tode gekommen waren. Der Aufsatz trägt den Titel: "Parazyklische Ovulation – gibt es das? – eine Antwort an Hermann Knaus". Die Teilnehmer einer damals veranstalteten Gynäkologentagung haben nicht nach der Ursache des plötzlichen Todes der Probandinnen zu fragen gewagt. Wir, die Studenten von Professor Stieve, erkundigten uns in der Vorlesung danach. Er wies uns auf die Strangulationsmerkmale am Hals der Toten hin. Danach haben auch wir nicht weiter gefragt.