Von Benjamin Henrichs

Herr Platonow, der Lehrer, wohnt an der Eisenbahn. Deshalb laufen die Gleise quer über die weite, leere Bühne. Man kann auf dem Bahndamm spazierengehen. Man kann, wenn man guter Dinge ist, auf den Schienen balancieren. Man kann auf den Gleisen seinen Rausch ausschlafen – schon etwas gefährlicher, denn zweimal am Tag kommt ein Zug vorbei, ein Personen- und ein Güterzug. Man kann aber auch, wenn man alles satt hat, den Kopf auf die Schienen legen – wie Herrn Platonows unglückselige Frau.

Zweimal donnert in Jürgen Flimms Hamburger Tschechow-Inszenierung der Zug über Rolf Glittenbergs Bühne, am Anfang und am Ende des dritten Bildes. Beim erstenmal kommt der Zuschauer eine Sekunde zu spät, sieht nur noch die Dampfwolke über den Gleisen. Beim zweitenmal aber sieht er den Zug tatsächlich – oder sind es nur drei Theaterscheinwerfer, an einem fahrbaren Gestänge aufgehängt, rasant über die nachtdunkle Bühne gezogen? Wie auch immer: Es ist ein fabelhafter Effekt und beileibe nicht der einzige.

Denn nur eine halbe Theaterstunde zuvor hatten sich die Figuren auf der Bühne und die Menschen im Zuschauerraum an einem Theaterfeuerwerk ergötzen dürfen, wie es wohl noch keines gegeben hat. Keine bunten Scheinwerferspiele irgendwo im Hintergrund der Szene. Nein, die weißen Feuerkugeln fallen aus dem Schnürboden mitten auf die Bühne – eine Kugel trifft beinahe den alten Herrn Glagoljew (Fritz Lichtenhahn), der auf einem Gartenstuhl sitzt und gerade einen Schlaganfall hat.

Das hätte man beinahe übersehen. Wie man auch, geblendet vom tosend heranfahrenden Zug, das arme Mädchen fast vergessen hätte, das sich lebensmüde auf die Schienen gelegt hat.

Das Theater, so könnte man nun sehr streng befinden, triumphiert in der prachtvollen Hamburger Inszenierung mühelos über die Menschen, der bunte Zauber über den grauen Schrecken. So gesehen wäre Jürgen Flimm die rettende Antwort des Staatstheaters auf Andrew Lloyd Webber, auf "Starlight Express" und "Das Phantom der Oper". Das ist wohl wahr – aber es ist zum Glück nur eine von vielen Wahrheiten des stürmisch bejubelten Abends.