Von Reiner Luyken

Es war noch dunkel. Der Wind heulte über den Butt. Unter den Klippen tobten und schäumten die Wassermassen wie aus ungebändigter Wut, daß sich ihnen nach ihrer wogenden Eilfahrt über den Atlantik ein Hindernis entgegenstellte.

Das schroffe Hindernis ist Lewis, die nördlichste Insel der Hebriden. Sie ragt stumpf und harsch wie ein zu Fels erstarrter Schollenfisch aus dem Meer. Auf dem Nasenhöcker dieses düsteren Kadavers steht ein Leuchtturm. Alle zwanzig Sekunden strich ein Lichtstrahl von dem Turm über das Meer, weit in die infernalische Düsternis hinaus. In den Intervallen fiel ein durch einen Schutzschirm zerstreutes Flackern über die Häuser des Dorfes, die sich wie Napfschnecken auf dem Rückgrat des Butts festkrallen. Das Dorf heißt Ness. Ness auf Lewis.

Es dämmerte. Schwere Regenschauer trommelten gegen die Fenster. Der Sturmwind zerrte weiße Rauchfahnen aus den Schornsteinen der Häuser und zerstreute den bittersüßen Geruch von Torffeuern durch den Ort. Ein langer Ort: Vier, fünf Kilometer zieht er sich zwischen kargen Weiden und schwarzen Torfmooren hin.

Es wurde hell. Aber es blieb still im Dorf. Nichts rührte sich. Sogar die Hunde, die ziellos zwischen den Häusern umherstrichen, bellten nicht. Alles menschliche Leben schien erstorben. Es war Sonntag.

Der Herr redete mit Moses und sprach: Am siebenten Tag ist Sabbat, die heilige Ruhe des Herrn. Wer eine Arbeit tut am Sabbattag, soll des Todes sterben.

Dies ist eine Geschichte vom Sonntag in Lewis. Und es ist eine Geschichte über Politik: Wie Margaret Thatchers Feldzug für die freie Marktwirtschaft an den Klippen des Butt, an der heiligen Sabbatruhe der Hebriden, ins Stocken geriet.