Aids ist für aufregende Mitteilungen immer gut. So hören wir jetzt, daß die "drei Standbeine der deutschen Aids-Forschung", die Pharmahersteller Hoechst und Bayer und das chemotherapeutische Forschungsinstitut Georg Speyer Haus, ein "erstes deutsches Präparat gegen HIV" entwickelt haben.

Donnerwetter, mag der Leser dieser Ankündigung denken, da haben wir es doch rascher geschafft, als selbst Optimisten unter den Forschern gehofft hatten; jetzt können Aidskranke geheilt werden – oder?

Der Hintergrund: Forscher des Max-Planck-Instituts in Berlin und des Bundesgesundheitsamtes entdeckten, daß Xylanpoly-Hydrogensulfat bei HlV-infizierten Mäusen wirksam ist. Die Substanz hemmt die reverse Transkriptase von Aidsviren. Damit ist eine Virusvermehrung in den Wirtszellen des Infizierten nicht mehr möglich.

Wenn es im Tierversuch wirkt, wie ist es dann beim Aidskranken?

Um dies zu prüfen, haben die Berliner Forscher ein Anwendungspatent beantragt und Hoechst und Bayer gebeten, klinische Versuche zu veranlassen. Das Georg Speyer Haus, so beschreibt der Pressedienst, habe durch weiterführende Studien die Chemikalie verbessern können, um sie dann als Versuchspräparat HOE/BAY 946 bei insgesamt 80 Aidspatienten des Robert Koch Institutes einzisetzen. Das Ergebnis?

Es ist viel zu früh, um irgend etwas sagen zu können. "Von einem Präparat gegen Aids kann nicht die Rede sein", erklärt ein Mitarbeiter von Hoechst. Und wie kommt es zu der Hoffnung weckenden Meldung des Pressedienstes? Helga Rübsamen-Waigmann vom Georg Speyer Haus in Frankfurt will auf von ihr eingeleitete Entwicklungen aufmerksam machen, ehe die Befunde beim Aidskongreß in Berlin publiziert werden.

Es bietet sich noch eine andere Erklärung für diese voreilige Nachricht an: Xylanpoly-Hydrogensulfat, die Wirksubstanz in HOE/BAY 946, ist bereits in einem handelsüblichen Präparat zur Durchblutungsförderung enthalten. Ohne Rezept gibt es dies in jeder Apotheke, und wenn der Name dieses Präparates bekannt wird, werden es alle HIV-Positiven nehmen – zur Freude des Herstellers. HHB