Alles hat an Glanz verloren, der Weltkommunismus, Bayern, die Männer, Boeing-Fliegen, nur unsere Wohnzimmer leuchten immer schöner.

Die Bürger baden in Behaglichkeit. Die Häuser werden herausgeputzt, auf den Rasen kommt ein Garten-Pavillon (früher nannte man das Laube), und drinnen stehen die guten Stücke. "Sieh’ nur, dieses warme Nußbaumbraun", sagt der junge Anwalt stolz vor seinem Neuerwerb. Es ist ein Biedermeier-Nähtisch, ganz entzückend, norddeutsch, 1810. Und der Junge liegt ja voll im Trend. Selbst das Kaufhaus "Macy’s" in New York hat schon eine Biedermeier-Corner.

Wie zu Zeiten der Urgroßeltern wird gesammelt, daß sich die Glasvitrinen biegen; Meißen, Pfeifen, Emailleschilder, Tafelsilber, egal. Die "Gartenlaube" heißt heute Casa Vogue.

Der Freund aus der Marktforschung verabschiedet sich, weil er noch für den Hausmusik-Abend üben muß. Politik? Wir engagieren uns auf Auktionen. Es geht doch nichts über kultivierte Häuslichkeit. Gemüt-, Gemüt-, Gemütlichkeit.

"Der Idealismus hat ausgedient. Ein neuer Sinn für die Dinge des Alltags setzt sich durch, eine neue Liebe zur Natur, ein neues Bewußtsein für die Qualität der Umgebung. Das Nahe wird interessant." Die Süddeutsche Zeitung hat das vor einem Jahr geschrieben, aber nicht über uns, sondern über die Zeit nach dem Wiener Kongreß.

Diese Sehnsucht nach Geborgenheit ist uns vertraut, der Rückzug in die Familie. "Dauernd fällt mir der Kanzler ein", gesteht Gunter Hofmann 1987 bei einem Rundgang durch eine Biedermeier-Ausstellung (ZEIT 42/87). Und die Vorstellung, wir alle taugten wieder als Vorbilder für die (erst 1855 nachträglich erfundenen) Witzfiguren Biedermann und Bummelmaier mit dem Oggersheimer als Obermeier hat ja auch was Bestechendes.

Der Karikatur des Biedermeier stehen wir zweifelsohne näher als der Epoche selbst. Staunend haben bereits mehr als 50 000 Besucher "Die Kunst des Biedermeier" im Münchner "Haus der Kunst" entdeckt: den sachlichen Realismus der Malerei; Silbergeschirr mit Bauhaus-Strenge, Möbel von kühner konstruktiver Logik und schöner Geometrie. "Welch Hochstand von Kultur und Handwerk, von Delikatesse und Contenance!" schwärmt selbst der Spiegel graziös.