Die deutsche Nation ist bei der Verteilung der Erde... leer ausgegangen", schrieb der Kolonialpolitiker Carl Peters 1883 in seinem Aufruf an das deutsche Volk. Manche Deutschen im jungen, aufstrebenden, geltungssüchtigen Kaiserreich dachten so; eine Art Torschlußpanik erfaßte sie, hatten doch sogar die Italiener, auch eben erst zur Nation geworden, in Afrika Fuß gefaßt.

Vorreiter der imperialistischen Expansion der europäischen Großmächte in Übersee waren Abenteurer, Forscher, Offiziere, Missionare, Kaufleute, Spekulanten. Überproduktion, Übervölkerung und Wirtschaftskrisen in den Industrienationen brachten den sogenannten Sozialimperialismus hervor, dessen Ziele der britische Kolonialheld Cecil Rhodes unverhüllt benannt hat: neue Siedlungsgebiete und Absatzmärkte zu gewinnen, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. "Sie exportieren einfach die soziale Frage", entrüstete sich der Sozialdemokrat Wilhelm Liebknecht. Bald erkannten die herrschenden Klassen, daß sich die Kolonialpolitik als Integrationsfaktor in der Innenpolitik einsetzen ließ. Carl Peters über den Zweck des Kolonialismus: "... rücksichtslose und entschlossene Bereicherung des eigenen Volkes auf anderer, schwächerer Völker Unkosten". Reichsgründer Otto von Bismarck hatte zunächst nicht viel mit Kolonien im Sinn: "Meine Karte von Afrika liegt in Europa." Er fürchtete mit Recht Konflikte mit den alten Kolonialmächten England und Frankreich. Sein Prinzip hieß: Die Flagge folgt dem Handel. Hamburger und Bremer Kaufleute (Godeffroy, Woermann, Lüderitz und andere) gründeten Faktoreien in der Südsee und an den afrikanischen Küsten. Hernach stellte der Kaiser den Kolonialgesellschaften Schutzbriefe aus. Allmählich erkannte aber auch Bismarck, daß die Kolonialfrage aus innenpolitischen Gründen "eine Lebensfrage für uns" sei.

Der deutsche Kolonialbesitz – Togo, Kamerun, Südwest- und Ostafrika, Kaiser-Wilhelms-Land auf Neu-Guinea, der Bismarck-Archipel, Samoa und andere Inselgruppen in der Südsee – rangierte an vierter Stelle hinter Frankreich, England und Belgien, aber noch vor Portugal, Holland, Italien und Spanien.

Ostafrika, die größte deutsche Kolonie, wurde von Peters und seiner Expedition in Konquistadorenmanier erworben. Finanziert wurde das Unternehmen von einem pommerschen Junker, gefördert von einem Lobbyisten der Schwerindustrie und der Großbanken im Auswärtigen Amt; die nötigen vier Millionen für die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft kamen erst zusammen, als Bismarck die Bankiers Bleichröder und Hansemann (Disconto-Gesellschaft) einspannte. Die wichtigsten Produkte dieser Kolonie waren Kaffee, Kopra, Sisal und Baumwolle. Zum Schluß lebten dort acht Millionen Eingeborene und 6000 deutsche Siedler und Soldaten.

Für das Reich sind die Kolonien (bis auf Togo) ein einziges Verlustgeschäft gewesen: 30 Millionen Mark bare Zuschüsse und fast 800 Millionen Mark Schulden, bei einem Export von Waren für 50 Millionen Mark im Jahr. Und es kostete Blut. Schon 1889 mußte Hauptmann Wißmann mit deutschen Marinesoldaten und sudanesischen Söldnern in Ostafrika einen Araberaufstand niederwerfen. 1905 sollen bei einem Aufstand 150 000 Menschen umgekommen sein, die meisten durch Hunger und Pest, nachdem die Deutschen "verbrannte Erde" hinterlassen hatten.

Der deutsche Vorstoß durchkreuzte die britischen Pläne einer Landbrücke "vom Kap bis Kairo". Die Mißstimmung in London mehrte sich, nachdem Carl Peters auch noch Schutzverträge ("Ein Stück Papier mit Negerkreuzen darunter", spottete Bismarck) für Uganda, Mombasa und Somaliland ausgehandelt hatte. 1890 verzichtete das Deutsche Reich im "Vertrag über Kolonien und Helgoland" auf diese neuen Besitzrechte, überließ das Inselsultanat Sansibar ebenfalls den Briten und tauschte dafür die Insel Helgoland ein, den "Caprivi-Zipfel" in Südwestafrika und feste Grenzen für die neue Kronkolonie Deutsch-Ost.

Im Ersten Weltkrieg hat sich General Paul von Lettow-Vorbeck ("der Löwe von Afrika") mit seiner ostafrikanischen Schutztruppe bis nach dem Waffenstillstand gegen eine feindliche Übermacht behauptet. Dennoch verlor Deutschland auch diese Kolonie; sie wurde vom Völkerbund als Mandat den Briten übergeben (Tanganjika), ein kleinerer Teil (Ruanda und Burundi) kam an Belgien. Lettow-Vorbeck trat später als Kolonialagitator für die Nationalsozialisten auf. kj.