Von Volker Ullrich

Am 21. Februar 1919, einem sonnigen Vorfrühlingstag, wurde der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner auf dem Weg in den Landtag, wo er die Demission seines Kabinetts bekanntgeben wollte, von Anton Graf Arco auf Valley auf offener Straße erschossen. Der Attentäter, ein junger Leutnant der Infanterie und eingeschriebener Jura-Student an der Münchner Universität, wurde sofort überwältigt und durch Kugeln der begleitenden Wachsoldaten lebensgefährlich verletzt.

Eine Stunde spater im Landtag. Der bayerische Innenminister und Vorsitzende der SPD Erhard Auer, schärfster Rivale Eisners im Kabinett, hat gerade die Bluttat verurteilt – da stürzt ein Mann in den Saal (wie sich später herausstellt, handelt es sich um ein Mitglied des "Revolutionären Arbeiterrats", den Schenkkellner Alois Lindner); er feuert zwei Schüsse auf Auer ab, der zusammenbricht. Weitere Schüsse fallen. Zwei Abgeordnete werden tödlich getroffen. Der Landtag stiebt in Panik auseinander. Der schwerverletzte Auer wird – merkwürdige Duplizität der Ereignisse – wie zuvor schon der Attentäter Graf Arco in die Klinik des Professors Sauerbruch eingeliefert und gerettet.

Das Attentat auf Eisner und die Schüsse im Landtag bildeten den Auftakt für eine zweite, radikalere Phase der Revolution in München, die im Zeichen der beiden Räterepubliken vom April 1919 stand. Diesem Experiment setzten einmarschierende Freikorpstruppen in den ersten Maitagen ein blutiges Ende. Mit dem extremen Pendelausschlag nach rechts entwickelte sich Bayern in der Folgezeit zur "Ordnungszelle" in Deutschland, zu einem Tummelplatz rechtsradikal-völkischer Verbände. Hier begann, nicht zufällig auch der Siegeszug der NSDAP und ihres Trommlers, des Weltkriegsgefreiten und Reichswehrspitzels Adolf Hitler.

Die folgenschweren Ereignisse des 21. Februar 1919 sind jetzt zum erstenmal Gegenstand einer historischen Untersuchung. Ihr Autor, der Münchner Publizist Friedrich Hitzer, hat die umfangreichen Prozeßakten durchgearbeitet, Verhörprotokolle und psychiatrische Gutachten studiert, Aufzeichnungen von Beteiligten und Augenzeugen gesammelt, schließlich auch – in einer abenteuerlichen Suchaktion – die noch lebende Witwe Arcos aufgepürt. Auf der Basis seiner breitangelegten Recherchen hat der Autor sich bemüht, die Hintergründe und den inneren Zusammenhang der beiden Attentate aufzuhellen sowie deren Auswirkungen zu beschreiben. Besonders interessiert ihn das juristische Nachspiel, die Arbeit der Ermittlungsbehörden und die Durchführung der Strafverfahren.

Was Friedrich Hitzer mit fast kriminalistischem Spürsinn aufdeckt, ist ein Justizskandal – einer der empörendsten in der an Skandalen ja nicht gerade armen Justizgeschichte der Weimarer Republik. Von Anfang an verfolgten die Untersuchungen nur einen einzigen Zweck, nämlich den, Arco als idealistisch gesonnenen Einzeltäter hinzustellen und alles, was auf eine Verschwörung gegen den Ministerpräsidenten hätte hindeuten können, auszuklammern. Daher unterließ es der ermittelnde Staatsanwalt auch, das gesellschaftliche Umfeld des Grafen Arco auszuleuchten, und dies, obwohl ihm verschiedene Aussagen vorlagen, die den Verdacht erhärten konnten, daß Arco zu seiner Tat von dritter Seite ermutigt, wenn nicht direkt angestiftet worden war.

Der Autor ist diesen Hinweisen nachgegangen. Sein Ergebnis: Eisner war vermutlich das Opfer eines Komplotts bayerischer Offiziere, die mit der rechtsradikalen "Thüle-Gesellschaft", einem Zentrum der Gegenrevolution in München, eng zusammenarbeiteten. Sie bedienten sich des jungen Grafen Arco als Werkzeug, ohne daß dieser selbst voll in alle Einzelheiten der Verschwörung eingeweiht war. Gestützt wird diese Vermutung durch eine Beobachtung, die die Staatsanwaltschaft bezeichnenderweise überhaupt nicht interessierte: Die beiden Ordonnanzen, die zur persönlichen Sicherheit Eisners abgestellt waren, gingen am Morgen des 21. Februar anders, als dies üblich war, nicht hinter, sondern vor dem Mann, den sie beschützen sollten, und machten damit dem Attentäter den Weg von hinten frei. Beide Soldaten wurden nie befragt; nach dem Attentat waren sie plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Hitzer mutmaßt, daß es sich zumindest bei einem von ihnen um einen Agenten der "Thule-Gesellschaft" handelte, die ihre Leute gezielt in die "Republikanische Schutztruppe" einschleuste, um diese zur Verteidigung der Revolution gegründete Militärformation zu unterwandern.