Von Henryk M. Broder

Jerusalem, im Januar

Es geschah an einem Novembertag des letzten Jahres: Alle Geschäfte und Betriebe in den besetzten Gebieten blieben geschlossen, an vielen Orten der Westbank und im Gaza-Streifen fanden Demonstrationen statt. Die "Vereinigte Leitung des Aufstands" hatte diesen 19. November zu einem Streik- und Kampftag erklärt – zur Erinnerung an Sheih Izz a-Din a-Kassam, einen palästinensischen Nationalhelden, der 1935 von den Briten getötet worden war. Am 20. November gab der Armeebericht die Bilanz des Vortages bekannt: Unter anderem war eine Anzahl von Dörfern in der Gegend von Nablus von Militäreinheiten durchsucht worden, die Bewohner mußten palästinensische Fahnen von den Strommasten und nationalistische Parolen von den Häuserwänden entfernen. Mindestens vierzehn Palästinenser, so hieß es weiter in dem Report, seien bei Zusammenstößen mit der Armee verletzt worden, davon zehn durch Gewehrkugeln. Es war ein relativ ruhiger Tag, es gab keine Toten. Zu den Verletzten, die in dem Bericht anonym summiert wurden, gehörte auch der zwölfjährige Shinwar Hamayel Jussuf aus dem Dorf Beita bei Nablus. Er wurde mit einer Kopfwunde in ein israelisches Krankenhaus eingeliefert, wo er drei Tage später starb.

"Ich will kein Mitleid und keinen Trost", sagt Abu Jussuf, der Vater von Shinwar. "Mein Sohn ist ein Märtyrer, er hat sein Leben für unser Volk geopfert. Ich habe mich mit seinem Tod abgefunden." Abu Jussuf ist 52 Jahre alt; er hat sechs Kinder, fünf Söhne und eine Tochter; der getötete Sohn war der jüngste. Den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdient Abu Jussuf in Israel. Seit neunzehn Jahren arbeitet er als Wachmann, die letzten sieben Jahre bei einer Firma für landwirtschaftliche Maschinen in Petach Tikva bei Tel Aviv. Er hat eine Vertrauensstellung, darf in Israel übernachten, bleibt manchmal ein, zwei Wochen an seinem Arbeitsplatz, kommt dann für ein paar Tage zu seiner Familie nach Beita zurück. An jenem 19. November war er nicht im Dorf. Er tat seinen Dienst in Petach Tikva. Erst am nächsten Morgen, ganz früh, kam er in Beita an.

Am Eingang zum Dorf wurde das Auto von israelischen Soldaten angehalten. "Sie befahlen uns, Steine von der Straße zu räumen, danach durften wir weiter." Von seiner Frau erfuhr Abu Jussuf dann, daß sein jüngster Sohn über Nacht nicht nach Hause gekommen war; er hatte die Wohnung gegen drei Uhr nachmittags am Vortag verlassen und war seitdem verschwunden. "Ich war nicht gleich besorgt. Einige Jugendliche waren verhaftet worden, andere in die umliegenden Hügel geflohen, wo sie sich vor der Armee versteckten. Ich nahm an, Shinwar sei unter ihnen."

Als sein Sohn im Laufe des Tages nicht heimkehrte und auch feststand, daß er nicht verhaftet worden war, "da wußte ich, daß etwas Schreckliches passiert war". Bekannte aus dem Dorf hätten ihm gesagt, ein Junge sei aus kurzer Entfernung von hinten niedergeschossen worden, sie hätten aber nicht erkennen können, um wen es sich gehandelt hätte. Die Schüsse seien kurz nach drei gefallen, gegen fünf sei ein Helikopter gekommen und habe den Jungen abtransportiert. Er habe fast zwei Stunden in seinem Blut gelegen.

Am Nachmittag desselben Tages fuhr Abu Jussuf nach Petach Tikva zurück, er wollte sich bei seiner Firma frei nehmen, um nach seinem Sohn zu suchen. "Die Leute dort sagten: Wir helfen dir. Sie fingen an zu telephonieren, mit Polizei, Militär, Krankenhäusern." Es war nicht schwierig, Abu Jussufs jüngsten Sohn zu finden. Er lag im Tel Haschomer Krankenhaus bei Tel Aviv, noch immer bewußtlos. "Die Leute aus der Firma brachten mich in das Krankenhaus. Der israelische Doktor sagte, er sei schwer verletzt. Ich fragte ihn, aus welcher Entfernung der Schuß abgegeben worden sei. Der Arzt sagte, das könnte doch jeder Esel erkennen." Einen schriftlichen Befund wollte ihm der Arzt nicht geben, das wäre ein Eingriff in die Zuständigkeit anderer. Dagegen wurde der Vater aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, daß er die Kosten für die Behandlung seines Sohnes bezahlen würde. Er weigerte sich.