Von Carl-Christian Kaiser

Hat je ein Politiker, jedenfalls öffentlich, über seinen Tod gesprochen? Ernst Albrecht tut es. Er wolle, sagt er fast gleichmütig, noch Kraft und Muße genug haben, um sich auf das wichtigste Ereignis im Dasein eines Menschen vorzubereiten: eben auf das eigene Ende – und auf die Zeit danach. Im Speisesaal eines Cuxhavener Hotels, wo zwei Dutzend Bonner Journalisten auf der alljährlichen "Nordlichtreise" Gäste des niedersächsischen Ministerpräsidenten sind, wird es für einen Augenblick still.

Daß Ernst Albrecht schon früher von der Politik hat Abschied nehmen wollen, das war seit längerem bekannt. Und geläufig sind auch die Gründe, die er nun noch einmal dafür ausbreitet, daß er seine Absicht hat aufschieben müssen. Er spricht von dem hauchdünnen, nur mit der FDP errungenen Einstimmen-Vorsprung bei der Landtagswahl vor zweieinhalb Jahren und jenen Spielbank- und Polizeiaffären, welche die hannoversche Regierung und die CDU zuletzt so gebeutelt haben. Albrecht muß noch einmal ins Geschirr. Er will auch die nächste Wahl 1990 gewinnen und dann vielleicht noch zwei Jahre amtieren.

Aber nun so offene und öffentliche Worte über den nur aufgeschobenen Vorsatz, die letzte Lebensphase so etwas wie einer vita contemplativa vorzubehalten? Das ist neu.

Die Stille unter den Zuhörern des Ministerpräsidenten hat nicht lange angehalten; das Gespräch wandte sich rasch wieder praktischen Fragen zu. Ausdruck auch der Scheu vor den Tabus, die Albrecht berührt hatte? Mit der öffentlichen Maskenbildnerei, die immerwährende Fitneß, pralle Selbstgewißheit, ungebrochene Entscheidungskraft und strahlenden Optimismus vorgaukelt, verträgt sich das nicht. Dann lieber die Themen des Tages.

An handfesten Vorhaben mangelt es auch nicht, seit das christlich-liberale Bündnis das Mißtrauensvotum im Dezember glücklich abgewehrt hat und sich selber antreibt, aus der Talsohle der Affären herauszukommen. Spielbanken? Scharfe Gesetzesparagraphen sollen für Ordnung sorgen. Die Polizei? Angeblich maßlos übertriebene Einzelfälle, doch auch da soll durchgegriffen werden. Der neue Innenminister Stock, der schon jetzt als Nachfolger Albrechts denkbar wäre, läßt nicht locker.

Vor allem aber: Von den zusätzlichen Milliarden, die Albrecht dem Bund abgetrotzt hat, erhält Niedersachsen nun jährlich 652 Millionen. Sie sollen in Forschung und Technik gesteckt werden, zumal in die Kommunikationstechnik, die der Ministerpräsident die "Autobahnen des 21. Jahrhunderts" nennt. Die Stadt- und Dorferneuerung sollen weiter vorangetrieben, abgelegene Regionen auch durch kleine Flugplätze an das Verkehrsnetz angeschlossen, Kläranlagen an der Nordsee auf den besten Stand gebracht, Häfen ausgebaut werden. Die vielen kleinen Wasserläufe und Moorkanäle im Norden und Westen sollen einem "Wasserwanderland Niedersachsen" dienen.