Ich habe im vergangenen Jahr eine Rede gehalten in den Münchner Kammerspielen, die hieß "Reden über unser Land Deutschland". Diese Rede wurde in der ZEIT abgedruckt und hat zu Entgegnungen geführt, unter anderem von Jurek Becker und Peter Glotz, die fragten, ob ich denn den Verstand verloren hätte usw. Ich habe auch viele Briefe dazu bekommen, und dann kam die Einladung von Theo Waigel, ob ich das nicht mit der CSU-Landesgruppe diskutieren möchte. Und es war für mich ganz selbstverständlich dahinzugehen, wenn eine Gruppe von Politikern mit mir über diese Rede diskutieren will. Man hatte mir einen Grund sagen müssen, warum ich nicht hatte dahingehen sollen. Wissen Sie einen Grund?...

Ich sehe gar keine Chance, als Autor, als Intellektueller von jemandem vereinnahmt zu werden. Ich bin auch nicht in Moskau vereinnahmt worden, als ich zum Schriftstellerkongreß gefahren bin. Ich habe schon verschiedene Erfahrungen in meinem Leben gemacht, aber die des Vereinnahmtwerdens ist mir noch nicht aufgegangen...

Es war ein sehr sympathischer Nachmittag. Er gehört nicht zu den peinlichen Nachmittagen bei mir, weil es ein vollkommen feindschaftsfreies Gespräch war. Es wäre schnöde, wenn ich sagen würde, da gäbe es etwas zu bedauern.

Martin Walser in der "taz" vom 16. Januar über seinen Auftritt bei der CSU in Wildbad Kreuth

Bossles Doktorspiele – ein Urteil

Mit einer "glatten Bauchlandung" – so das CSU-nahe Fränkische Volksblatt – endete der Versuch des Würzburger Soziologie-Professors Dr. Lothar Bossle, eine Einstweilige Verfügung gegen DIE ZEIT durchzusetzen. Bossle wollte zwölf Passagen aus dem ZEIT-Artikel "Doktorspiele in Wurzburg" vom 4. November 1988 verbieten lassen – ZEIT-Autor Otto Köhler hatte geschrieben, daß in Bossles "wohleingerichteter Doktoren-Fabrik" der "zierende Titel" zu erhalten sei, ohne daß man sich "intellektuell verausgaben" müsse. In der Verhandlung vor dem Landgericht Würzburg am Mittwoch letzter Woche konnte Köhler nachweisen, daß Bossle an der Promotion seiner Doktoranden verdient: Der Creator-Verlag, in dem zahlreiche Dissertationen von Bossle gegen Bezahlungen gedruckt wurden, ist alleiniges Eigentum von Bossle und seiner Ehefrau Eva-Marie. Das Landgericht Würzburg wies den Antrag Bossles gegen DIE ZEIT und gegen Otto Köhler in allen Punkten ab. Zuvor hatte das Landgericht Hamburg dem Würzburger Doktorvater mit einer Einstweiligen Verfügung untersagt, weiterhin die Behauptung aufzustellen, Köhler sei "vom Wochenmagazin Der Spiegel wegen fälschenden Beiträgen aus seinem Arbeitsverhältnis entlassen worden". Der Spiegel hatte seinen Medien-Kolumnisten Köhler fünf Jahre lang nahezu wöchentlich gedruckt und dann entlassen, weil – so das Kündigungsschreiben vom 28. Dezember 1971 – "eine tragfähige Übereinstimmung über Thematik, Gestaltung und Kontinuität der Pressekolumne zu keinem Zeitpunkt seit Vertragsbeginn bestanden" habe.

Nach Bossles Niederlage vor dem Würzburger Landgericht stellte sich die Stadt Würzburg in Gestalt ihres Bürgermeisters Erich Felgenhauer schützend vor den Professor: Köhler mißbrauche "nach bekanntem linken,-Muster das hohe Gut der Pressefreiheit". Durch "Schmähartikel mit verdeckten Behauptungen" sollten "mutige Professoren, die nicht links stehen, öffentlich hingerichtet werden".