Geduld — darf ein Burger, eine Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland im Gesprach mit einem Burger, einer Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik dieses Wort überhaupt m den Mund nehmen Vierzig Jahre, seitdem die Teilung Deutschlands zu zwei Staaten geronnen ist da hatte der freizugige Bundesdeutsche inmitten seines pluralistischen Überflusses dem Deutschen im real existierenden Sozialismus gut Geduld predigen Das ginge ihm so leicht von den Lippen wie alles, was man nur vom Hörensagen kennt. Der Westdeutsche, sofern seine Lebensumstande dem vorherrschenden bundesrepublikanischen Zuschnitt entsprechen und er seine Ansprüche seinem gesellschaftlichen Platz anpaßt, muß auf wenig warten Oder er weiß jedenfalls nicht genau zu benennen, worauf er in seinem funkelnden Dasein womöglich doch immer noch wartet. Geduld ist seine Sache nicht; die werbende Wirtschaft sagt ihm Kauf jetzt, konsumiere heute. Der Sinn seiner Gesellschaft, wenn nicht der erklarte, dann der praktizierte, ist auf die Gegenwart gerichtet Man lebt nur einmal. Und wieviel mehr noch als die Alteren treibt dieses Faktum jeweils die nachwachsende Generation an, die Jungeren, die stets meinen, sich weniger Zeit nehmen zu können als jene, deren Leben m den Abend übergeht Die Gegenwart der Jungeren erstreckt sich bis m die Zukunft hinein und soll — gemäß der Maxime jetzt gilts — sogleich gegenwartig werden Wie konnte da der Bundesdeutsche dem Republik Deutschen von Geduld sprechen Nun, m seiner Mehrheit tut er es denn auch nicht Er sagt zur DDR aus Eigenem so gut wie gar nichts Er entdeckt gerade neue Küstenstriche. Dreißig Jahre nach der Inbesitznahme der AdnaKuste, zwanzig Jahre nach der Aneignung Mallorcas sind seit einiger Zeit Florida und Mombasa billig genug geworden. Die Menge, die eine Art Tonnenideologie des Tourismus begründet hat, macht es möglich Da bleibt für den anderen deutschen Staat wenig Raum im westdeutschen Bewußtsein — das außerdem ja nicht nur von Reiseeindrucken und Vorfreuden auf das nächste Automobil ausgefüllt ist, sondern in dem auch Ängste und Sorgen nisten. Soweit es Zukunftsangste sind, sind sie ein weiterer Grund, sich der Gegenwart anheimzugeben. Gar nicht zu reden von dem mehr oder weniger deutlichen Bewußtsein jener Bundesdeutschen, die ganz gegenwartige Sorgen haben und Mangel leiden: Weder die Gutgestellten noch die Schlechtgestellten m der Bundesrepublik haben m ihrer Mehrheit das Verlangen, geschweige denn ein nationales Bedürfnis, sich Gedanken zu machen, ob sie den Deutschen in der DDR zu Geduld raten oder von ihr abraten sollten Die Frage interessiert sie nicht — aus eigenem Anstoß. Daß von bestimmten Entwicklungen in der DDR immer auch Ruckwirkungen auf die gesamteuropäische Lage ausgehen, also auch auf die Umstände, unter denen die Bundesrepublik in der Mitte Europas existiert — diese Einsicht bleibt in der Regel unterhalb des politischen Horizonts der westdeutschen Mehrheit und kann daher die vorherrschende Gleichgültigkeit gegenüber der deutschen Teilung nicht erschüttern Die schweigende Mehrheit schweigt zu diesem THema aus Interesselosigkeit.

Die Konjunktur, die Tagungen über deutschdeutsche Fragen auf Akademien m der Bundesrepublik seit Jahren haben; die intellektuellen Verlustanzeigen für eine unscharf definierte nationale Identität sie sind die Ausnahme von der Regel, sind Minderheitsthemen. Auch die Bonner Politiker, wenn sie aufs Gesamtdeutsche kommen, streifen die Interessen ihrer Wahler damit nur ganz am Rande. Aber darf man das einem Publikum aus dem anderen deutschen Staat ungeschminkt sagen Haben die Menschen in der DDR nicht wenigstens verdient, sie über das Interessengefalle zwischen hüben und drüben an hüben und drüben zu tauschen Muß man nicht eine weitverbreitete westdeutsche Schlaflosigkeit, denk ich an Deutschland in der Nacht, glaubhaft zu machen versuchen Ist man den Deutschen, die nach dem gemeinsam verlorenen Krieg 1945 das kürzere Ende der Wurst in die Hand bekamen, nicht schuldig, das Zusammengehörigkeitsgefühl von Freunden und Verwandten hier und dort, die tastende Anteilnahme einer westdeutschen Minderheit in ein nationales Einheitsempfinden umzudeuten, ohne viel Federlesen darüber, was tatsächlich eine Nation bildet Die behauptete Lebendigkeit der nationalen Frage als Balsam für die — nach bundesrepubhkanischem Standard — benachteiligten, metaphorischen Bruder und Schwestern. Und von diesen Merkposten Landsleuten in der gesamtdeutschen Rechnung ganz abgesehen: Kann man denn ausschließen, daß die nationale Frage doch noch einmal ein bundesrepublikamscher Trumpf wird Erhebt denn nicht ein wirksamer Nationalismus m mancher Herren Lander neuerlich sein Raupt; auch außerhalb der Dritten Welt, die dafür freilich, wie fürs Sattwerden, ein Nachholbedurfnis geltend machen kann Warum dann also den gegenwartig geringen Punktwert der sogenannten nationalen Karte unter der westdeutschen Mehrheit offen einräumen? Diese Wahrheit ist ungehörig Auch kann sie, bei gehöriger Anstrengung, von einer neuen Wahrheit verdrangt werden. Mehrheiten lassen sich umstimmen Mehrere Fragen leiten sich ab aus dem, was ich bisher vorgetragen habe, und ein Hinweis Der Hinweis zuerst- Bevor die Unterschiede zwischen politischen Systemen beginnen, die man sich dann, je nach Überzeugung, Aufenthaltsort und individueller Befindlichkeit, zugute halt oder an denen man Anstoß nimmt — bevor diese Unterschiede greifen, gibt es in der Regel viel Gemeinsames zwischen den Systemen. Im vorliegenden deutschen Fall heißt das. So, wie m dem einen Staat nach offizieller Lesart das ganze Volk so gut wie eines Sinnes auf dem Weg zum Kommunismus ist, so gilt in dem anderen die staatspohtische Fiktion, die Stimmburger hegten all jene Interessen, die ihnen Politiker unterstellen, beispielsweise in der rhetorisch gern aufgeworfenen deutschen Frage. Offensichtlich können nur Ausnahmepolitiker oder Politiker in Ausnahmesituationen ohne die Behauptung agieren, zwischen Fuhrern und Geführten bestehe in den Interessen und im Bewußtsem eine fugenlose Einheit Das gehört wohl zu den Schattenseiten des demokratischen Zeitalters. Das differierende Maß an eigener Überzeugung oder praktiziertem Zynismus, das die Politiker zu dieser Öffentlichkeitsarbeit befähigt, zahlt noch nicht zu den Systemunterschieden Redliche und zynische und solche Menschen, die dazwischen pendeln, gibt es hier wie dort Der Bevölkerung, dem alten Adam, der alten Eva, bleiben vor dem Übermaß an behauptetem Einklang, das mindestens lastig werden kann, die privaten Nischen; zu allen Zeiten, in jedwedem System.

Die verschiedene Ausstattung der Nischen; die Leichtigkeit des Zugangs zu ihnen; die Möglichkeit, sich ganz und gar zum Nischenbewohner zu machen, ohne deshalb gesellschaftlich anzuecken; die Bereitschaft der Regime, die Existenz von Nischen sich einzugestehen; die moralischen Skrupel der Nischenbewohner, nichts als Nischenbewohner zu sein: Darm treten Systemunterschiede zutage. Den moralischen Dispens vom gesellschaftlichen Engagement etwa, erteilt man sich im pluralistischen System wohl leichter, gemäß der Erziehung, die einem zuteil wurde. Manchmal argwohne ich, das Desengagement ist das unerkannte, mindestens verheimlichte Höchste Wesen des Pluralismus. Von den Systemunterschieden ist — nicht immer nur sachlich, sondern beiderseits auch im agitatorischen Übermaß — zwischen den deutschen Staaten viel die Rede. Mit Bedacht galt mein Hinweis daher einer systemubergreifenden Gemeinsamkeit, die keineswegs die einzige ist. Nichts schadet einem damomsierten Feindbild mehr, als das Herausfinden solcher — ich sage einmal- kreaturlichen — Übereinstimmung zwischen den Feinden. Auch kann es übertriebene Erwartungen in die andere Seite mindern. Natürlich fallt einem die Abgeklartheit leichter, wenn man aus eigenem Entschluß nicht nach Florida reist. Aber verlangt das Privileg, sich im Gesprach mit den Nichtpnvilegierten Zurückhaltung aufzuerlegen? Womit ich bei den angekündigten Fragen bin. Notigt die unverdiente Bevorteilung — in Deutschland ein neues Geburtsvorrecht aus der Zufälligkeit des Geburtsorts — zum Stillschweigen über Fehleinschatzungen, die man beim benachteiligten Gesprächspartner zu erkennen meint Es gibt auch diese Variante des deutschdeutschen Dialogs: die Verständigung auf der Grundlage der Frustration des DDR Deutschen, eine andere Art von bundesdeutscher Herablassung.

Und in so manchen Fällen kommt es gänzlich zum Kommunikationsstillstand: dann, wenn ein Mann oder eine Frau aus der DDR zu lange auf etwas gewartet haben, zu oft sich wundgerieben an bürokratischer Enge, Schikane und Verantwortungsscheu, schließlich ermattet sind an ihrer eigenen Existenz — und nun in ihrer Verletztheit nur noch sich selber sehen und außer Zustimmung zu ihrer Sicht nichts mehr hören können. Eine aufgezwungene Steigerung der normalen menschlichen Egozentrik, die gegen ihre Verursacher zeugt. Immerhin, die so beschädigten Menschen aus der DDR finden Beachtung und Fürsprache im westlichen deutschen Staat. Sobald sie wahrnehmen, daß dieses Wohlwollen auch — neben anderen Motiven: auch — politisch begründet ist, befinden sie sich auf dem Weg zu ihrer personalen Wiederherstellung.

Nächste Frage in diesem Zusammenhang: Wenn jeder Westdeutsche, Mann oder Frau, der aus triftigen Gründen bis in die tiefste Herzkammer, bis in die bitterste Verzweiflung von seinen Lebensumständen frustriert ist, dem tröstlichen Irrtum anhängen könnte, gleich nebenan, mit amtlichem Wohlwollen in derselben Sprache, werde alles Ungemach am Arbeitsplatz, in der Ehe, mit Kindern, mit Vorgesetzten behoben — wieviele Ausreiseanträge würden in der Bundesrepublik gestellt werden? Es existieren genug andere Gründe für das Bedürfnis nach Übersiedlung aus der DDR in den Westen; aber den in der Frage eingeschlossenen gibt es auch. Zusatzfrage: Wieviel nüchterne Analyse der Gegebenheiten ertragen die Deutschen hüben und drüben? Wieviel Selbsttäuschung brauchen sie?

Bonner Politiker, wenn sie das Teilungsthema anstimmen, entziehen sich in ihrer Mehrheit dem Eingeständnis, auf die von ihnen selber immer wieder erhobene Frage nach der Wiedervereinigung keine Antwort zu wissen, auf zweierlei Weise. Zum einen verweisen sie auf künftige, unvorhersehbare historische Abläufe; dabei stützen sie sich gern auf ähnlich klingende Äußerungen von Vertretern beider Weltmächte, obwohl doch deren einschlägige Bemerkungen jedes Mal die deutsche Frage tatsächlich wieder vom Tisch nehmen; und sie, die Bonner Politiker, geben sich bedeutungsvoll, indem sie mit Tremolo formulieren: So oder so werde die Geschichte die deutschen Verhältnisse verandern. So oder so. Wie weit ist eine solche Einsicht, genau bedacht, von der altdeutschen Bauernregel entfernt: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt wie es ist?

Zum anderen entweichen diese DeutschlandPolitiker der selber fabrizierten Schwierigkeit mit der Einheitsfrage durch die Aufforderung, bis zur Wiedervereinigung müßten die Deutschen auf beiden Seiten der Elbe alles tun, um ihren nationalen Zusammenhalt zu bewahren. Das ist gewöhnlich ein Ratschlag, bei dem ein richtiger Ansatz zweckmäßig vermengt wird mit vagen Beschwörungen der Nation. So vage in den Tönen, daß eine Definition des Nationalen, die die gegebenen Bedingungen redlich berücksichtigen würde, vermieden werden kann. Was soll es? Die auf diese Weise agierenden bundesrepublikanischen Politiker haben sich nach rechts hin keine Blöße gegeben; und den allermeisten Bundesbürgern liegt das Thema ohnehin fern.