/ Von L. J. Hartog

Am 30. Januar 1939 wurden die europäischen Juden, zwei Drittel aller Juden der Welt, zu Geiseln erklärt. In der traditionellen Rede zum Tag seiner Machtergreifung drohte Adolf Hitler dem europäischen Judentum die Ausrottung an, falls der europäische Krieg, den er zur Neuordnung des Kontinents zu führen gedachte, zu einem Weltkrieg erweitert würde. Denn einen solchen Krieg wünschte er nicht, zumindest nicht während der Zeit eines europäischen Kampfes, der als eine Folge regional begrenzter Blitzkriege geplant war. Hitler sagte:

„Und eines möchte ich an diesem vielleicht nicht nur für uns Deutsche denkwürdigen Tag nun aussprechen. Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht... Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Da von einem Weltkrieg erst die Rede sein konnte, wenn die Vereinigten Staaten am Krieg teilnähmen, war diese Warnung in erster Linie an Washington gerichtet. Nebenbei machte der Prophet deutlich, daß er – Weltkrieg oder nicht – die Möglichkeit sah, Europa zu erobern. Denn wie könnte er anders die europäischen Juden vernichten?

Die Geiselidee war im Grunde nicht neu. Schon 1933 beim „Judenboykott“, einer Vergeltung für ausländische Reaktionen auf den Antisemitismus des neuen Regimes, findet man bei Joseph Goebbels die Vorstellung, das deutsche Judentum benützen zu können, um das Wohlverhalten der westlichen Demokratien zu erzwingen. Die Begründung für den sogenannten Madagaskarplan aus dem Jahre 1940 lautete, daß man auf der fernen Insel die europäischen Juden als Geiseln gebrauchen konnte, um die amerikanischen Juden im Zaum zu halten (in der Amtssprache vom Juli 1940: „... als Faustpfand, um das Wohlverhalten ihrer Rassegenossen in Amerika sicherzustellen“).

Hitler glaubte an jüdische Drahtzieher, die alle Staaten manipulierten („Hinter England steht Israel, hinter Frankreich und hinter USA“). Er wünschte sich, daß die „geheimen Regierer“ letztlich keinen Weltkrieg, sondern Juden für ihr Geld wählten und die ihnen „Untertanen“ Regierungen dementsprechend instruieren würden. Die Warnung war ein Aufruf zum hemmungslosen appeasement – die USA sollten ihn ungestört Krieg führen lassen, wenn er Schritt um Schritt Lebensraum eroberte. Hitlers Hoffnung trog. Der Dezember 1941 brachte „die von ihm befürchtete, für Deutschland katastrophale Kriegsform: den Weltkrieg“ (Hillgruber).

Legt man Hitlers Gedankengang zugrunde, dann ist es sehr wahrscheinlich, daß er den Befehl „zur Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ erst gegeben hat, nachdem, dieser Weltkrieg im Dezember 1941 eine Tatsache geworden war. Denn wer seine Geiseln tötet, vereitelt den Zweck der Geiselnahme. So betrachtet ist das Wannsee-Protokoll vom 20. Januar 1942, in dem die Art der „Endlösung“ (die Vernichtung) und der geographische Umfang (Europa) festgelegt wurden, die Konsequenz aus Hitlers Drohung vom 30. Januar 1939 und aus dem Beginn des weltweiten Krieges im Dezember 1941. Der Vernichtungsbefehl stammt wahrscheinlich aus den Tagen unmittelbar nach der Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten am 11. Dezember 1941. (Seit dem 11. September 1941 führte die amerikanische Marine auf dem Atlantik bereits einen unerklärten Krieg gegen deutsche U-Boote.)