Die Gewerkschaften hatten den legitimen Streit um die 35-Stunden-Woche begonnen – blödsinnigerweise mit dem Zusatz: "bei vollem Lohnausgleich" –, als ob man weniger Arbeit und mehr Lohn zugleich haben könnte. Rudolf v. Bennigsen-Foerder, Chef der Veba, protestierte witzig gegen die Gewerkschaftsparole: Die Gewerkschaften hatten nämlich für ihre Gefolgsleute einen Button drucken lassen: "35-Stunden-Woche". Bennigsen-Foerder heftete zwei Buttons auf sein Revers. Richtig: Unter 70 Stunden kommt ein Unternehmer (wie übrigens auch ein Politiker oder ein Universitätsprofessor) nicht aus, will er seiner Position gerecht werden.

Angefangen hatten wir nach der Währungsreform mit der aus der Vorkriegszeit übernommenen 48-Stunden-Woche; in Etappen war’s heruntergegangen auf 40 Stunden. "Samstags gehört Vati mir." – Ich habe nie verstanden, daß die Unternehmer jene 40-Stunden-Woche zur absoluten Grenze machen wollten. In einem freien Staat mit wachsender Produktion muß man den Arbeitnehmern die Wahl lassen: mehr Lohn oder weniger Arbeit. Es waren aber auch weniger die großen Firmen als vielmehr die kleinen und mittleren, die durch verkürzte Arbeitszeiten Schwierigkeiten befürchteten: Die Arbeitseinteilung bei kurzer Arbeitswoche wird schwierig. Und die Großen – meinen sie – müssen im Arbeitskampf zu den Kleinen stehen, auch wenn sie lieber nachgeben möchten.

Eine neue Couleur hat der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine dem immerwährenden Streit gegeben. Weil die Maschinenausstattung des einzelnen Arbeitsplatzes immer teurer wird, fragt er sich (und einige Freunde in der SPD), ob es nicht sinnvoll sei, auch am Samstag zu arbeiten, bei verkürzter Wochenarbeitszeit. Der mir vertraute Anblick der am Samstag stillstehenden Millionen-Maschinen in einer Druckerei, ausgerüstet mit teuerster Elektronik, ist in der Tat trübselig. Und gerade die Druckergewerkschaft kämpft gegen die Samstagsarbeit. Verstehen kann ich das überhaupt nicht.

In einer großen Druckerei verstehen die Mitarbeiter das auch nicht, nämlich bei Gruner + Jahr in Itzehoe, wo auch das ZEITmagazin gedruckt wird. Da haben nach längeren Verhandlungen Unternehmen und Betriebsrat eine Betriebsvereinbarung geschlossen. Gearbeitet wird jetzt: eine Woche 40 Stunden, zwei Wochen 49 Stunden – die vierte Woche ist frei. Innerhalb dieser Arbeitszeitfolge kann das Unternehmen die Mitarbeiter auch zweimal samstags einteilen. Aber am Ende der dritten Woche ist dann Schluß. Frei sind dann: Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag, bis Montag 6 Uhr, also acht Tage arbeitsfrei, und das dreizehnmal im Jahr. Verteilt auf vier Wochen ist die wöchentliche Arbeitszeit 34,5 Stunden. Dazu der Tarifurlaub von sechs Wochen, die Feiertage und so weiter.

Zugegeben: Das funktioniert nur in großen Betrieben und nur dort, wo Arbeit ohne Schwierigkeiten an einen anderen Mitarbeiter übergeben werden kann, also wohl nicht im Büro. Die Sekretärin verliert den Überblick, wenn sie jede vierte Woche (plus Urlaubszeit) nicht im Betrieb ist. Aber man sollte in den großen Unternehmen anfangen und es später bei kleineren versuchen. Sicher gibt es auch ältere Mitarbeiter, die gerne nur zwei Tage in der Woche arbeiten: nämlich Samstag und Sonntag. Ich muß leider manchmal ins Krankenhaus und ärgere mich schwarz, wenn der ganze Apparat, mit Personal, am Wochenende leerläuft. Und die Kranken gammeln in der Zeit!

Jede vierte Woche acht Tage frei – das macht auch gesellschaftliche Probleme. Will man verhindern, daß dann der eine oder andere Mitarbeiter mit Bier vor der Glotze sitzt, dann muß die Stadt Itzehoe Sportplätze ausbauen, Sport- und Gymnastiklehrer engagieren, Angelplätze bereitstellen, acht Tage dauernde Volkshochschulkurse organisieren und manches mehr. Freizeit zu nutzen muß man lernen – und möglichst nicht aus der Bildzeitung. Ein Drucker verdient im Jahr zwischen 55 000 und 70 000 Mark.

In meiner Jugend ging mein Vater, ein städtischer Beamter, auch am Sonntagvormittag kurz ins Büro (die Katholiken kamen nach der Messe), sah die Post durch; sie wurde auch am Sonntagmorgen ausgetragen. Da braucht man sich keine Sorgen um die Freizeit zu machen ...