Ihm ist es inzwischen egal, was Jenninger damals gesagt hatte; bei Jenninger war ihm Kiesinger wieder eingefallen und Filbinger, nicht zu vergessen. Braune Flecke waren für ihn bisher Blutflecke, aber seitdem sie offiziell wie unabänderliche Rostflecke behandelt werden, ist ihm diese ganze "Fleck-Kultur" egal. Er haut die Worte auch nur noch so hin, weil man uberall in seine Muttersprache hineinpfuscht. Genauso egal ist ihm inzwischen, was sein Pflichtgefühl ihm angetan hat, ob er seinen Mann steht oder nicht. .., die ganze Litanei betet er höchstens am Stammtisch herunter.

Und wie egal ist es ihm, daß seine angebliche Großtante oder so ähnlich aus Lodz, von der er bisher gar nichts wußte, ihn hier bald Werner nennen wird, und der Tellerwäscher in seinem Spesenrestaurant aus Ghana ist und ein weißes Zwei-Liter-Cabrio mit Automatic fahrt. Und mit Atomkraftwerken ist es wie mit Kondomen, die platzen eben mal, wenn es zu heiß wird, ob in Tschernobyl oder Buxtehude. Daß die Stalin-Hitler-Vergleiche durch Gorbatschows Perestrojka demnächst wohl in eine internationale Historikerrunde gehen werden, ist doch auch ganz egal, aufrechnen, das ist das Leben.

Vorm Fernseher hat er schließlich längst alle Rollen angenommen und in Gedanken mitgespielt, vom Kapitalisten zum Wirtschaftsverbrecher und vom Sozialisten zum Terroristen .. Und spätestens nach vier Wochen sind alle Diskussionen uberholt. Seine Stellung ist ihm sowieso egal, denn wurde er entlassen, mußte seine Frau, deren beruflichen Aufstieg er gefordert hat, ihn mit ernähren, der gar nichts egal ist, doch die, weil ihm plötzlich alles egal ist, zu Hause wenigstens öfter Ruhe findet.

Der gesunde Menschenverstand ist ihm erst recht egal, denn gäbe es ihn, mußte es auch eine gesunde Vernunft geben, er halt es jedoch nicht mehr für vernunftig, an die menschliche Vernunft zu glauben. Und Kampfgebete unter Kirchendachern, mit Gott demonstrieren, heißt das nicht, ihn zu mißbrauchen wie einst auf Koppelschlossern. Aber Gott, der gute Mann, ist ihm ja ohnehin egal, auch die Sache mit seinem Sohn.

Ist er sich nicht selbst allmählich egal? Noch leidet er im stillen, hütet seine Einsamkeit und geht vor Ruhrung darüber allein ins Bett. Mußte er sich vielleicht nicht einmal fragen, ob er statt "egal" eigentlich "gleichgültig" meint, die solidere Form der Verneinung? Das wurde dann allerdings seine Tochter spuren, die auf dem gleichen Trip ist wie er und ihn schon mal eine Prise Hasch probieren ließ. Was Harteres gibt es in der Schule noch nicht.